Von Händen und Dolchen

Liebe Ioreth,
ich versuche das Breeland zu verstehen, und ich gestehe, es wird in Anbetracht der letzten Ereignisse nicht einfacher. Es ist mein Glück, dass der Fürst mir jeden Fehler verzeiht, sogar vertraut und dass ich von treuen Mitgliedern seines Hauses umgeben bin.
Ich wurde gestern tatsächlich überfallen. In meinem Zimmer! Soetwas habe ich bisher nicht erlebt, aber ich fürchte fast, das wird nicht das letzte Mal sein. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass Mutter eigentlich immer von wenigstens einer Wache umgeben war. Hätte ich es nur gestern bedacht, ich hatte meine Leibwache eben entlassen und wollte mich zu Bett begeben, als dieser Mann aus dem Nichts auftauchte, er war einfach im Raum. Er stahl Gold und den Armreif, den ich vor so vielen Jahren von Dir bekam. Zu meinem Glück waren meine neue Zofe Liniath und Frau Bluebell in der Nähe. Meine Stichwunde (ja, du liest richtig) wurde bestens versorgt und ich hoffe, dass ich den Arm bald wieder gebrauchen kann. Außerdem ist Linath eine sehr interessante Person, eigentlich so garnicht wie eine Zofe. Sie bewegt sich in einem Kleid, wie Du Dich in einer Rüstung bewegen würdest Ioreth, als wäre ihr es zuwider. Ich werde Dir von ihr noch schreiben.

Der Angreifer wurde übrigens nur wenige Stunden später gefasst. Man überbrachte mir den Armreif. Ich war so glücklich. Wann immer ich ihn sehe, fühle ich mich ein wenig sicherer in der Fremde. Ich denke gerne an unsere Jugend zurück. Hätte Vater nur gestattet, dass Du mit mir kommst, aber leider wird er seine Meinung nicht ändern.
Man brachte mir auch die Hand des Täters, wieder eine dieser Sitten des Breelandes glaube ich. Ich erinnere mich an einen ähnlichen Fall, dem Hauptmann meines Vaters wurde ein Beweis gebracht, als einer der Diener aus Mutters Gemächern Schmuck entwendet hatte. Ich bezweifle das man Mutter je diesen Beweis vorlegte. Ich bemühe mich, auch das zu verstehen. Ich muss mich den Sitten des Landes anpassen, das der Fürst zu seiner Heimat erwählt.

Ich habe Dir schon von meinem Leibwächter geschrieben. Er unterrichtet mich nun anstelle des Hauptmanns der Wache. Er hat mir beigebracht wie man ein Schwert hält, was schwieriger ist, als es immer aussieht. Außerdem schlägt man nicht so einfach zu, man muss bestimmte Punkte am Schwert des Gegners treffen. Es ist fast wie ein komplizierter Schreittanz: auf einen Schritt kann nur ein bestimmter folgen, sonst geht es am Ende nicht auf.
Ursprünglich sollte der Waffenmeister des Fürsten mir diese Übungen geben, das ist der schlechtgelaunte Mann von dem ich Dir schon geschrieben habe. Aber ich war der Meinung, ich könne das Haus des Fürsten nicht in Verlegenheit bringen. Seine Verlobte rannte bei jeder Übung des Waffenmeister verschwitzt durch den Ort – nicht eben repräsentativ. Also habe ich schweren Herzens dem Waffenmeister gesagt, ich würde die Übungen nicht fortsetzen. Er hat es natürlich als Feigheit gesehen, Männer des Schwertes machen sich die Antworten immer so leicht. Aber ich nehme an, er verachtet mich ohnedies. Ich muss mich bemühen, das zu richten. Der Fürst sollte ich nicht um solche Dinge kümmern müssen.

Der Fürst, Alejandro Salas. Er ist nach wie vor formvollendet und ich habe keinen Anlass zur Klage. Aber Ioreth, der Mann leidet. Sein Herz gehört einer Frau, die er traf, bevor ihm dieser Ehevertrag einholte. Er betont immer wieder, dass er sei glücklich sei, mich in seinem Haus sehen zu dürfen, aber es ist nicht zu übersehen, dass er gerne einfach seinem Herzen folgen würde, und das führt ihn nunmal nicht zu mir.
Ich kann nur hoffen dass jene Frau dies verstehen wird: Wie soll ein Mann seines Standes anders handeln können? Er muss ja sich ja seinem Haus gegenüber verantworten. Verlässt jene Frau ihn ihn wird er… er wird nicht mehr derselbe sein, glaube ich.
Ich werde versuchen, ihm nicht zur Last zu fallen, mehr kann ich wohl nicht tun.

Fühle Dich umarmt und berichte mir, wie es Diir ergeht, ich erhalte hier nur spärlich Nachrichten aus der Heimat.
Ellena von Linhir

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