Die Sprache der Männer

Liebe Ioreth,
eigentlich sollte ich mein Glück kaum fassen können. Der Fürst hat nun auch seinem Haus die Verlobung mit mir bekannt gegeben. Die Mitglieder seines und nun also auch unseres Hauses waren sehr freundlich, und begrüßten mich mit Wohlwollen, wie ich zu wagen hoffe. Einzig der Waffenmeister des Fürsten, Ardeyn Falkenauge, konnte sich nur zu einem Brummen durchringen, aber im Nachhinein betrachtet war es wohl einfach nur ein Vorgeschmack auf das, was da noch kommen sollte…

Kaum war die Verlobung bekannt gegeben, widmete sich Alejandro wieder seinen Geschäften. Die Familie eines Wachmanns wurde in den Haushalt aufgenommen. Kashin Daedeloth brachte seine Ehefrau und seinen Bruder mit, sie wollten mit dem Fürsten unter vier Augen sprechen. So blieb uns keine Zeit, einen Augenblick wahrzunehmen, welche Bedeutung die offizielle Bekanntgabe einer Verlobung nun für uns beide und natürlich auch für das Haus Minas Faer haben wird.

Irawen sprach mich an, sie ist die Medica des Hauses und hat sich seinerzeit meiner Verletzung angenommen. Offenbar ist es ihr ein Bedürfnis, jedes Mitglied des Hauses zu kennen. Ich habe ihr versprochen, mich sofort an sie zu wenden, wenn ich irgendwelche Beschwerden habe. Sie geht dabei übrigens wesentlich freundlicher vor als es die alte Liira je getan hätte. Diese seltsame Kräuterfrau ist nun wirklich niemand, den ich allzusehr vermisse, wie Du Dir vorstellen kannst, Ioreth.

Ich habe nach wie vor wenig Vertraute hier. Die Medica ist eine kundige Frau, aber ich weiß sie nicht recht einzuschätzen. Stell Dir vor, sie hat einen Raben, der ihr Botschaften überbringen kann! Es gibt auch eine Elbin namens Sanguisa Askina, sie wirkt irgendwie garnicht elbisch und doch muss ich immer daran danken, dass sie schon viele Jahrhunderte gesehen hat. Die junge Frau Lysawyn ist die Diplomatin des Hauses, sie ist gerade erst erwachsen und trägt schon eine derart große Verantwortung. Ich habe keine von ihnen bisher näher kennen lernen können. Ich werde nicht umsonst von den meisten schlicht Baroness genannt. Sie sehen die Verlobte des Fürsten, wohl kaum Ellena, wie Su sie sehen würdest.
Einzig Lynne konnte ich mich bisher anvertrauen. Aber sie ist verschwunden, wohl wegen einer privaten Angelegenheit. Ich bedauere das zutiefst, ich würde Lynne wünschen, einen Halt zu finden, vielleicht einen Ort an den sie zurückkehren kann und den sie Heimat nennen kann. Ich hoffe, es wird ihr vergönnt sein und man wird sie finden. Ich würde sie gerne wieder sprechen, möge sie dein Armreif daran erinnern, dass sie in Freundschaft erwartet wird…

Ansonsten bin ich von Männern umgeben. Wachen des Hauptmanns, Söldnern, Männer die meinen Verlobten in geschäftlichen Angelegenheiten zu sprechen wünschen. Liebe Freundin, ich vermisse manchmal den schlichten Witz einer Magd oder die Unterhaltung mit einer Zofe. Es wird wenig gelacht in diesem Haus.
Meine Leibwache ist zur Zeit ein Söldner, den ich doppelten Sold zahle, damit er zumindest halbwegs tut, was man von ihm erwartet. Aber ich sage Dir, im Breeland leben sture Männer, ganz egal wo sie herkommen mögen. Es funktioniert so leidlich, aber ich habe dennoch in ihm eine gute Wache.
Mein Waffenlehrer ist nach wie vor Wachmann Bregon Strago, leider hat er wenig Zeit, sodass ich bisher nicht dazu kam, weitere Lehrstunden zu nehmen. Ich hoffe, die Zeit wird sich noch finden…

Ich schrieb eingangs, dass ich mich über diese Verlobung freuen sollte. Das tue ich auch, wahrlich das tue ich. Und dennoch: es ist mir ein Rätsel. wozu Männer mitunter fähig sind. Der Waffenmeister und sein Herr haben sich gestritten. Es ging um die Reise Lynnes, das erfuhr ich später. Und Ioreth, es war ein Streit, wie ich auf einem Markttag zwischen zwei Jungen erwarten würde. Die beiden haben sich geprügelt, direkt vor dem Haus. Der halbe Haushalt hat zugesehen! Ich habe sowohl meine Leibwache als auch die anwesenden Wachen gebeten, die beiden zu trennen. Allein, es war unmöglich! Der Hauptmann gab seinen Posten auf, stell dir das vor, als hätte man es mit Kindern zutun, die nicht mehr miteinander spielen wollen!
Am späten Abend kam Alejandro zu mir, alles zu erklären. Ich verstehe die Gründe, ich verstehe aber nicht die Sprache! Warum ist ein Faustschlag eine funktionierende Sprache? Ich hoffe, der Hauptmann kommt wieder zur Vernunft, seinen Posten hat er wohl noch. Ich weiß nicht, ob ihm bewusst ist, wie wichtig er für das Haus Minas Faer ist. Und wenn ich ehrlich bin (das sage ich dem Mann aber besser nicht) ist er eine gute Seele; rau, aber eine gute Seele…

Ich wünsche Alejandro und seinen Waffenmeister wieder Seite an Seite zu sehen. Ich glaube, Ardeyn Falkenauge ist bedeutend mehr als ein Söldner und Hauptmann, er ist für Alejandro fast soetwas wie ein Mentor oder ein Vater, er will ihm gerne vertrauen, glaube ich. Und ich wünsche Lynne in Sicherheit, meine Gedabken gelten ihr öfter, als ich ahnte…

Ich werde versuchen, die Sprache der Männer zu verstehen.

Sei umarmt liebe Freundin
Ellena

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