Pflicht und Freiheit

Liebe Ioreth,
wer bin ich? und für wen bin ich es? Diese Fragen stelle ich mir immer wieder und mir fällt es zunehmend schwerer, eine Antwort zu finden.

Baroness, so werde ich von den meisten hier genannt. Das bin ich wohl für die meisten. Ich werde zu jeder Zeit mit aller Höflichkeit behandelt, ich glaube, Alejandro würde nichts anderes zulassen, er ist sehr bedacht darauf, mir mein Leben hier so angenehm wie möglich zu gestalten.
Und dennoch ist das nicht immer einfach. Ich kenne durchaus ein Leben dieser Art; mein Vater hat mich lange genug darauf vorbereitet. Wenn ich nachts wachliege spüre ich aber die Einsamkeit. Jeder meiner Schritte ist wohl bewacht, ich habe zu jeder Zeit eine Wache an meiner Seite und dennoch fühle ich mich allein. Ich kann es nicht recht beschreiben: es ist, als wäre man von einer Menschenmenge umgeben, die aber nicht bemerkt, dass man da ist – sie sehen die Baroness von Linhir, die künftige Gattin des Fürsten von Minas Faer, selten fragt jemand nach Ellena…

Alejandro ist vielleicht der Einzige, der mich versteht und gerade ihm würde ich gern meine Gedanken ersparen. Er hat genug Sorgen, sein Haus zu führen, die Mitglieder zu hören und sie zu verstehen. Wenig hilfreich erscheint mir da eine Frau an seiner Seite, die sich mit solchen Gedanken plagt. Er war offen zu mir, ich schrieb Dir davon.
Aber es ist dennoch eine Erkenntnis, die ich in ihrer Gänze erst noch fassen muss. Mein Verlobter ist mir ein Freund, er versteht meine Seele gut und weiß oft einen Rat für mich, ich könnte kaum mehr wünschen und trotzdem spüre ich eine Leere in mir… Ioreth, ich weiß, ich klinge ganz sicher wie eine alte Jungfer am Brunnenrand, aber ich kann es einfach nicht besser umschreiben.

Ich solle mir alle Freiheiten nehmen, die ich wünsche – das sagte Alejandro mir. Ich wünschte, das wäre so einfach. Wie kann ich einfach ohne Begleitung reisen, oder zu irgendendeiner Zeit nicht die Baroness sein? Ich würde mein eigenes Versprechen brechen, was ich weder wünsche noch Alejandro antun möchte. Aber wie so häufig hat er Recht, ich sollte mich bemühen, ein wenig mehr Ellena zu sein – zumindest ab und dann…

Die Waffenübungen kann ich inzwischen häufiger durchführen. Der Hauptmann der Hauswache teilte mir einen Mann aus Thal als Leibwache zu, der nicht müde wird, mir geduldig die Lektionen beizubringen. Elmion Cardaan ist ein vertrauenswürdiger Mann und ich bin sicher, dass er meine Geheimnisse zu wahren weiß. Stell Dir vor, er wurde nicht mal blass, als ich mich entschied einige Runden im See zu schwimmen.
Ich stelle mir vor, wie die Wachen meines Vaters reagiert hätten und denke in solchen Momenten, dass ich durchaus Freiheiten habe – es sind nur wenige Momente und ich denke nicht, dass der Wachmann weiß, was er mir ermöglicht. Oder sagen wir: ich bin nicht ganz sicher. Manchmal ahnt man soetwas wie ein Lächeln auf seinem sonst so ernsten und pflichbewussten Gesicht, wenn ich ihn mit einem solchen Vorhaben konfrontiere.
Ich hoffe, seine Berichte an den Hauptmann fallen nicht zu genau aus… Ich weiß es Ioreth, gerade legst Du den Brief beiseite und lachst herzhaft, vermutlich würdest Du höchstselbst zum Hauptmann gehen und ihm alles erzählen, einfach um zu sehen, wie er blass wird und versucht zu überhören, was die Verlobte seines Herrn so unternimmt.

Vielleicht, Ioreth, finde ich doch noch meine Freiheit.
Es umarmt Dich,
Ellena

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