Zwei Seiten der Medaille

Liebe Ioreth,
vor nicht allzu langer Zeit, sah ich mich mehr als Gast des Hauses Minas Faer, denn als Mitglied. Und nun stecke ich mittendrin und entdecke, es gibt immer zwei Seiten einer Medaille und zuweilen birgt die zweite Seite ein gänzlich anderes Bild.

Alejandro wurde vergiftet. Ich habe bisher nicht raus weshalb oder unter welchen genauen Umständen das geschah. Ich kann nur hoffen, dass das Haus nicht seiner Führung beraubt wird. Bis dahin wird es mir zukommen, die Belange des Hauses so gut wie möglich zu vertreten. Vater würde sicher sagen, dass ich lange genug darauf vorbereitet wurde. Dennoch – ich habe immer Sorge, dass ich die Wünsche des Fürsten nicht früh genug erkenne. Ich stelle fest, dass ich Alejandro Salas weniger kenne als ich dachte, es gibt eine zweite Seite der Medaille.

Ich kann dir auch den Namen nennen, Ioreth. Alejandro hat einen Bruder, Atherton Salas. Ich bin sicher, du ahnst worauf es hinaus läuft. Ja, der Mann wird Bastard und Taugenichts genannt, und zwar auch von Alejandro.
Atherton wurde vor wenigen Tagen vor mich gebracht. Man hatte ihn erwischt, als er versuchte, in das Haus einzudringen. Ich denke nicht, dass er wusste, wessen Haus das ist, das Verhältnis der beiden ist, gelinde gesagt, gespannt. Ich habe ihn unter meinen Schutz genommen – würde Atheron Salas innerhalb der Mauern von Minas Faer etwas zustoßen, wäre Alejandro Salas jeden Rechts beraubt, sich Fürst zu nennen. Blut und Schuld… Vater hätte eine lange Geschichte dazu zu erzählen.

Atherton Salas… er ist an mein Haus und meinen Schutz gebunden, bisher toleriert Alejandro das, während sein Waffenmeister den Mann sicher gerne tot sähe. Irgendwie stehen Atherton und Frau Lysawyn in Verbindung – und zwar einer sehr persönlichen. Es war schmerzhaft, Ardeyn Falkenauge zu sehen, der dies so erkannte und eine Entscheidung traf. Nach außen mag diese Entscheidung sehr gefasst aussehen, aber ich stand daneben, Ioreth und sah diesen sonst so ernsten und starken Mann wanken, man hat ihn mitten ins Herz getroffen und nun schützt er sich, so gut er es eben vermag.
Würdest Du ihn fragen, er würde jeden Schmerz, jeden Verlust abstreiten und ich wage es kaum auszusprechen (erst Recht nicht vor dem Waffenmeister) aber er hätte Trost und Zustimmung verdient -aufrecht stehen und die Hoffnung dahingehen sehen, erfordert Stärke, viel Stärke.

Auch Atherton trägt seine Last. Man beraubte ihn offenbar seiner Kindheit, nur allzu schnell und auch seines Vaters. Wo er die Liebe eines Bruders brauchte fand er nur Pflichten, Mauern aus Strenge eines Vaters und den Verweis auf einen Platz im Schatten. Man hat ihm so lange gesagt, dass er der Taugenichts und Bastard sei, dass er es schon fast angenommen hat. Ich schreibe fast, Ioreth, weil ich glaube, dass Atherton sich tief in seinem Herzen die Wahreheit und auch die Liebe zu seinem Bruder bewahrt hat.

Er hat einem Gespräch zwischen Lynne und mir nur eine kurze Zeit zugehört und wusste mehr über mich, als es mein Vater je wissen wird und er blickte tiefer, als es Alejandro bisher vermochte.
Es brauchte eben diesen Bastard und Taugenichts, um mir die Augen zu öffnen: ich war im Begriff Güte, Wohlwollen und vielleicht sogar Freundschaft mit der Wärme des Frühlings zu verwechseln und Atherton sah das…so schmerzhaft deutlich. Ich weiß, Ioreth, Du wirst mich eine Närrin schimpfen, dass ich auch nur die Idee haben konnte, ich könnte mehr sein, als Barones Ellena von Linhir, die künftige Fürstin Ellena Salas von Minas Faer… und doch, ich habe es gehofft. Nicht ausgesprochen, nur im Stillen gehofft…

Und auch das mag eine zweite Seite der Medaille sein, Atherton Salas, ein Bastard und ungeliebter Bruder, brachte mir eine Rose. Nicht ohne eine Warnung: ich möge in einen Spiegel schauen, um zu erkennen, weshalb man mir stets mit aller Höflichkeit begegnet, ich möge erkennen, was man sieht, wenn man in diesen Spiegel schaut. Ioreth, ich habe in einen Spiegel geschaut und langsam, ganz langsam überlege ich, ob Ellena am Ende nur Fleisch und Blut ist, kein Vertrag, kein Gebilde für ein Fürstenhaus.

Lynne. Ich weiß nicht, wie ich das jetzt schreiben soll. Am besten treffen es die Worten Athertons, der wohl nicht ahnt, wie treffend seine Worte sind. Ich sagte Lynne, dass ich ihre Bedeutung für Alejandro kenne. Sie wird es sein, die dem Fürsten und dem Mann die nötige Stärek gibt, sie wird es sein, die sein letztes Geheimnis kennt. Ich werde dem Fürsten ein Haus wahren und ihm nur zu gerne die Freundlichkeit und das Vertrauen vergelten.
Lynne nannte es selbstlos, ich nenne es eigennützig: eine Frau in meiner Position kann sich nichts besseres erhoffen. Ich hoffe, Lynne wird eines Tages verstehen, dass ihre Stärke mein Segen sein wird.
Ich sagte dir, die Worte Athertons würden es am besten umschreiben. Er kommentierte das Gespräch mit einem einfachen Satz. „Sie meint, sie überlässt ihn Euch“ Ich glaube, liebe Freundin, Du würdest Atherton mögen. Er ist schlicht und einfach direkt und hat es ohne Schwierigkeiten geschafft, mich sprachlos zu machen. Er wäre Dir wahrhaft eine ernste Konkurrenz.

Ich muss Dir bald wieder schreiben, es ist mir kaum möglich, all‘ die Ereignisse so kurz zusammenzufassen. Ich danke Dir diesmal also für Deine Geduld und umarme dich,
Ellena

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