Stimme und Kopf

Der Brief wurde angefangen, liegt aber noch unversiegelt auf dem Tisch, offenbar hat die Schreiberin erst spät am Abend mit dem Schreiben begonnen.

Liebe Ioreth,
als ich seinerzeit in Imladris war und Herrn Galcyll Stillwind traf, sagte er mir ich sei eine Stimme, die gehört werden müsse, wenn der Kopf nicht da ist. Ich hatte nicht verstanden, was er damit meint. Nach dem heutigen Tag allerdings beginne ich zu ahnen, was er gemeint haben könnte und frage mich, woher er diese Weitsicht haben kann…

Ich war mit Mynerya im Arbeitszimmer des Fürsten, um die Dokumente durchzusehen, bevor es die Diplomatin tut. Alejandro wollte Vardielle Descroux noch einen Besuch abstatten, und so fiel es mir zu, diese Angelegenheiten des Hauses zu regeln. Ich beendete eben meine Arbeit, als der Hauptmann förmlich ins Zimmer stürmte, er hatte das Gästehaus auf der Suche nach Alejandro ebenfalls aufgesucht und kam unerwartet schnell wieder zurück.

Im Haus der Diplomatin hatte er niemanden angefunden. Schlimmer, allein Alejandros Schwert, die Klinge blutbeschmiert, brachte der Hauptmann mir. Ioreth, in jenem Moment dachte ich, dass das Schlimmste geschehen sei. Das Haus wurde seines Fürsten beraubt, des Mannes, der alle Mitglieder des Hauses zusammenhält. Es dauerte einen Augenblick, bis ich mich an die Worte Alejandros erinnerte: Er hat einen Seneschall bestimmt, um das Haus eben nicht ohne Führung zu lassen.

Was steht dem Haus zur Verfügung, was kann ich tun, um den Fürsten wohlbehalten wiederzufinden? Ich bat den Hauptmann, sowohl Marschall Lluvia, als auch die Schwerthände zu holen. Der Fürst von Minas Faer hat diese Stellen umsichtig besetzt und die Betreffenden, so hoffe ich, kennen Mittel und Wege, alle nötigen Informationen zu beschaffen.

Sanguisa Askina, Rodgar Wogenwolf, beide sind Schwerthände. Sie unterstehen allein dem Fürsten, nun auch mir und ich werde keine Scheu haben, zu jedem Mittel zu greifen. Es gibt denkbar wenig Anhaltspunkte, aber beide haben den Auftrag erhalten, jeder Spur zu folgen, jedes Mittel anzuwenden ihre Informationen zu beschaffen, allein den Tod ausgenommen.
Ich weiß nicht, was beide dachten, als ich ihnen den Auftrag gab. Zumindest Wogenwolf schien eher amüsiert, dass ich ihn tatsächlich rufen lasse. Ich hoffe er ist sich des Ernsts der Lage bewusst. Es ist erstaunlich, wieviele Menschen eine Frau in einem Kleid mit Schwäche gleichsetzen.

Der Marschall war offenbar ebensowenig begeistert, dass ich einen Auftrag für ihn habe. Er sei das Arbeiten im Stillen und Allein gewohnt, sagte er mir. Ich fürchte, diesen Luxus können wir uns nicht mehr leisten. Der Mann steht einer Reihe von Leuten vor, zusammengefasst in der Kavallerie. Es wird seine Aufgabe sein, sie ihren Fähigkeiten entsprechend einzusetzen. Und es wird auf seinen Schultern lasten, Alejandro zu finden.
Lluvia begann seine Suche im Haus der Diplomatin, wo Spuren eines Kampfes überdeutlich zu finden waren. Er wird die Feinde des Hauses überprüfen müssen, vielleicht auch seine Freunde. Ioreth, ich bete dass der Mann beide gut kennt. So viel hängt von ihm ab!

Der Hauptmann ist mir in dieser Lage eine große Stütze. Offenbar hat er wenig Schwierigkeiten meine Anordnungen auszuführen und scheint ebenso keinen Zweifel an meiner Position zu haben. Er arbeitet sehr schnell und zuverlässig.
Die Garde wurde in Bereitschaft versetzt und die Leibwachen verstärkt. So sehr ich die Freiheit liebe, es macht wenig Sinn, wenn der Seneschall des Hauses in Gefahr ist. Dasselbe gilt für das Mündel des Fürsten und Atherton. So sehr ich es hasse, auch ihn muss ich eine Leibwache an die Seite stellen. Ich hoffe, er wird es verstehen, Ioreth. Er wird Graf sein und ist der Bruder Alejandros – leider ein lohnendes Ziel damit.

Hauptmann Cardaan wies mir neben den üblichen Gardisten Furbor Kastell einen Rekruten zu. Ich glaube, ich habe Dir von ihm geschrieben. Er ist ein Zwerg, heißt Njodorim Rogramlosch und wenn ich es richtig verstanden habe, war er bei seinen Volk ein Wächter an Thorins Tor, vor vielen Jahren schon. Er steht gerade vor meiner Tür und nimmt seine Aufgabe sehr ernst.

Mynerya steht ebenfalls an meiner Tür, ruhig und gefasst, mit wachsamen Blick. Sie fragte den Hauptmann, wie sie helfen kann und er sagte, dass es durchaus sinnvoll sei, wenn sie bewaffnet ist. Sie hat den Hauptmann wörtlich genommen, Ioreth. Wenn Du jetzt eine verschreckte Dienerin erwartet hast, die nervös durch den Raum läuft, irrst du gewaltig! Mynerya steht in voller Rüstung in meinem Raum. Ich habe weniger eine Zofe, denn eine weitere Leibwache. Ich werde diese Nacht sicher ohne Störung verbringen.

Nein, im Grunde simmt das nicht. Ich habe den Hauptmann angewiesen, mich zu informieren, sobald es Neuigkeiten gibt. Ebenso wird Mynerya jederzeit die Schwerthände, den Marschall oder ihre Bevollmächtigten zu mir lassen. Ich sollte zumindest versuchen zu schlafen. Ich werde weiter schreiben, wenn ich weiß wie sich die Dinge entwickeln…

Der Brief wurde nicht beendet, die Feder liegt noch neben dem Papier.

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