Briefe ins Nichts II

der Brief wurde an der unterbrochenen Stelle wieder aufgenommen. Die Handschrift verrät, dass die Schreiberin offenbar nicht die nötige Ruhe hatte, den Brief zu verfassen.

Liebe Ioreth,
es ist früher Morgen, aber an Schlaf ist ohnedies nicht zu denken. Ich wurde mitten in der Nacht geweckt und fand mich bald darauf im Hauptraum des Hauses wieder. Ich solle ruhig bleiben, sagte mein Entführer zu mir, und das blieb ich. Ioreth, wie gerne hätte ich den Mut gehabt irgendetwas zutun… oder sagen wir besser, die Möglichkeit dazu gefunden! Nach wie vor wird sehr gut darauf geachtet, dass ich weder an Waffen komme, noch eine Möglichkeit habe, ohne Beobachtung zu sein oder den Raum unbeaufsichtigt zu verlassen.

Ich blieb ruhig. Viel andere Wahl blieb mir auch nicht. Ich wurde lange von einer Frau gemustert, die mich ansah als sei ich genau das, was der Baron von Linhir in mir so häufig sah – ein Gegenstand der Politik über den man verhandelt. Es ist überaus frustrierend, das zu erkennen und es macht mir deutlich, wieviel ich durch das Haus Minas Faer gewonnen habe. Dort kann ich meine eigenen Entscheidungen treffen und sie werden auch als solche anerkannt. Mehr denn je vermisse ich meine zweite Heimat, liebe Freundin.

Und wieder sind es eher Bruchstücke, aus denen ich die Zusammenhänge zu erschließen versuche. Man nahm mir die Kleidung, die ich trug und ließ mir einfache Kleider da. Der Assasine sagte mir, jene Frau habe mich so lange angesehen, um zu entscheiden, ob sie mich darstellen könne. Ich schließe daraus, dass sie in meinen Kleidern gesehen werden soll und so mögliche Suchende ablenken soll. Ich bete, dass die Kavallerie und die Garde nicht auf diese Finte hereinfallen. Mir schnürt sich die Kehle zu, wenn ich nur daran denke, dass mein eigentlicher Aufenhaltsort am Ende nicht gefunden wird.

Was ist mir also geblieben? Denkbar wenig. Der Assasine hat gründliche Arbeit geleistet, auch wenn er das mitunter zu bedauern scheint. Er hat nicht nur eindrucksvoll bewiesen, dass ich für seine Auftraggeber bestenfalls ein wertvoller Aspekt ihrer Verhandlungen bin, sondern auch, dass ich dazu verdammt bin, untätig zu warten, um weder Unschuldige noch das Haus Minas Faer in Gefahr zu bringen.

Einzig ein Schmuckstück, das ich bei mir trug, als ich entführt wurde, ließ man mir. Es ist eine schlichte Kette mit einem Anhänger in Silber, der den Baum Gondors zeigt. Brelan gab mir dieses Schmuckstück als Unterpfand seiner Treue für das Haus, die er nun beweisen will. Ich würde gerne wissen, ob er darin Erfolg hat und ich hoffe inständig, dass er ihn hat. Seltsamerweise ist eben diese Kette etwas, das mich daran erinnert, warum es wichtig ist, dies hier durchzustehen…

Der Brief wurde hastig gefaltet und in gewohnter Weise unter der Stickarbeit befestigt.

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