Ein Blick in die Heimat

Liebe Ioreth,
ich bin nun schon seit einiger Zeit wieder sicher im Breeland, und langsam kehrt der Alltag wieder zurück. Die Tage nach meiner Rückkehr waren seltsam. Ich war von vielen Menschen umgeben; dem Haushalt, der alles daran gesetzt hatte, meinen Aufenthaltsort ausfindig zu machen und dennoch lebe ich in mich gekehrt.Oft habe ich die Frage beanwtortet, wie es mir geht und stets habe ich geantwortet, dass es mir gut geht. Tatsächlich bin ich körperlich unversehrt. Meine Entführer legten offenbar Wert darauf, mich für ihre Pläne zu erhalten.

Der Gedanke schmerzt aber, Ioreth. Gebraucht wurde die Tochter des Barons von Linhir. Das Ziel war, meinen hohen Vater dazu zu bewegen, seine Politik und vor allem seine unbedingte Treue zum Truchseß zu überdenken. Allein der Gedanke ist völlig abwegig. Mein Vater folgt dem Motto des Hauses derart konsequent, dass er darüber die Bedürfnisse seines eigenen Landes völlig ignoriert; seine Tochter, das nusste ich ein weiteres Mal lernen, hat dabei erst recht kein Gewicht. Er hat die Forderungen meiner Entführer schlicht ignoriert.
Während meiner Abwesenheit konnte ich bestenfalls vermuten, wie der Baron handeln würde, das Haus Minas Faer indes war mir die Familie, die Linhir nicht sein konnte oder wollte. Ich erfuhr, dass alles unternommen wurde, um mir zu helfen. Es war ein wohltuender Trost, Ioreth.

Und doch besteht meine Familie nicht nur aus meinem Vater. Ich hatte wirklich zuletzt vermutet, dass ausgerechnet mein Bruder – der verstoßene Sohn – versuchen würde, mich zu finden. Nach meiner Rückkehr sahen wir uns. Es war seltsam nach so langer Zeit wieder mit Pyke zu sprechen. Uns beide hat das Leben verändert, aber beide haben wir nicht vergessen, was uns in unserer Kindheit verband.
Seine Nachrchten aus der Heimat waren keine Guten. Offenbar übersieht der Baron von Linhir zusehens die Bedürfnisse seiner Leute. In ihrer Verzweiflung wenden sie sich an meinen Bruder und an mich. In Anbetracht der Tatsache, dass mein Vater offenbar verlernt hat, die seinen zu schützen, ist es an mir darüber nachzudenken, wie ich diese Lücke füllen kann.

Auch die Nachrichten Namrirs tragen nicht eben dazu bei, dass ich Linhir sorglos hinter mir lassen könnte. Liebe Freundin, wie gerne hätte ich Dich jetzt an meiner Seite, um mir Deinen Rat anzuhören. Du wirst Dich an Namrir erinnern, ich habe ihn kaum wiedererkannt, als er vor mir stand. Dennoch erkennt man in seinen Zügen den Sohn des Kämmerers meines Vaters. Offenbar ist der Baron zur Zeit kaum in der Lage seinen Pflichten nachzukommen. Er ist bettlägrig und hat die Amtsgeschäfte an einen Statthalter übergeben, der eben sein Kämmerer ist. Namrir wurde geschickt, mich zu informieren und für meine Sicherheit zu sorgen. Offenbar zieht der Statthalter durchaus in Erwägung, dass der Baron nicht mehr genesen wird.
Ich sollte Sorge oder Trauer empfinden, da mein Vater derart erkrankt ist. Nur will es mir nicht gelingen, Ioreth! Ich denke stets an den Mann, der es nicht für nötig hielt, auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass er mit meinem Leben spielt, indem er jegliche Hinweise auf meinen Verbleib ignoriert.

Bei aller Sorge, die Linhir gilt, bin ich dennoch Seneschall des Hauses Minas Faer. Der Fürst hat mir unmissverständlich klar gemacht, dass ich mich vor allem auf diese Aufgabe zu besinnen habe. Ich gebe zu, es war wohl ein Fehler, meine Sorge um sein Wohlergehen zu äußern. Längst steht mir das nicht mehr zu, es ist an Lady Lynne, die Sorgen des Fürsten zu lindern und sieht man beide zusammen, bin ich sicher, dass sie ihm die Frau ist, die er an seiner Seite braucht, um für uns alle der Fürst von Minas Faer sein können.
So tue ich also, wofür ich in diesem Haus eingesetzt wurde. Meine Arbeit wird mir sehr erleichtert, da sowohl der Marschall der Kavellerie als auch der Hauptmann der Garde ihre Arbeit vorbildlich erledigen. Ebenso bemühen sich die Mitglieder des Haushaltes, mir meine Arbeit zu erleichtern. Ich hoffe, ich kann auf diese Weise zumindest ein wenig Last von den Schultern des Fürsten nehmen.

Offenbar hat der Fürst entschlossen, einen Schritt nach vorn zu wagen und besucht nun häufiger die Stadt Bree. Seine Leute bemühen sich bestmöglich um seine Sicherheit. So reist er stets mit einigen Wachen und den Mietklingen, die zum Schutz des Hauses angeworben worden sind. Lady Lynne ist zuweilen bei ihm, und ich nehme an, der Fürst schätzt die Ruhe, die sie ihm stets zu vermitteln scheint. Ich selber bin selten in der Stadt, der Fürst hat mich angewiesen, nicht zum gleichen Zeitpunkt, wie er dort zu verweilen.
Vermutlich ist der Hauptmann darüber sehr erleichtert, denn es bedeutet, dass er nicht auch noch mich derart mit Wachen zu umgeben braucht. Der Vorteil ist, dass ich so Zeit habe Dir zu schreiben liebe Freundin, denn es ist sehr ruhig im Haupthaus derzeit.

Ich ahne es Ioreth, Du hast schon wieder Ideen, was ich in dieser Zeit mit meinen Verlobten unternehmen könnte, jedoch ist leider Atherton ebenfalls kaum noch zu sehen. Er ist vollauf damit beschäftigt diese Prüfung zu bestehen, die ihm meine Hand erlauben soll. Ich kann es kaum ertragen, Ioreth. Scheinbar hat er Schwierigkeiten damit. Er verliert darüber mir gegenüber aber kein Wort, und ich glaube das würde er nie tun. Nach wie vor bemüht er sich, mir den Sommer zu erhalten und in den wenigen Momenten, in denen wir uns sehen, glaube ich fast die Wärme eines Augusttages zu spüren. Ich habe schlicht Angst, dass Atherton alles aufgiebt was er ist, um mir nahe zu sein – der Preis wäre zu hoch…

Fühle Dich umarmt liebe Freundin
Ellena

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