Bedenkzeit

Giselher blickte aus dem Fenster, es war bereits dunkel geworden und er konnte beim besten Willen nicht mehr leugnen, dass die Nacht angebrochen war, Zeit schlafen zu gehen. Der Hauptmann war sich ziemlich sicher, dass er kaum ein Auge zutun würde.

Während er seine Dienstuniform ablegte, blickte er auf die schwere Rüstung, die er heute getragen hatte, als man ihm zum Ritter erhoben hatte. Bei dem Gedanken daran wurde Giselher fast schlecht. Er hatte schlicht keine Ahnung, was damit nun zutun war. Er hatte seine Pflicht getan, weil er es Alejandro schuldig war. Weil er das Andenken dieses Mannes wahren wollte. Herzog Cinlir hatte ihn für diese Treue in den Stand eines Ritters erhoben.

„Ihr werdet lernen, was diese Erhebung bedeutet.“ hatte der Herzog gesagt. Giselher wusste inzwischen, dass dieser Mann Ungehorsam ebensowenig duldete, wie ein Zögern beim Ausführen der Befehle. Er würde seinen Eid halten. Alejandro hatte einmal gesagt, dass ein Eid erst dann seinen Wert habe, wenn man ihn auch dann halten würde, wenn es einem unangenehm wird. Giselher würde allein deshalb sein Versprechen halten, er gab es Alejandro, also würde er es halten…

Der Hauptmann blickte auf das Feuer und nickte halbwegs zufrieden als er sah, dass sein Teekessel darüber hing, Er würde ihn brauchen in dieser Nacht. Inzwischen stand er barfuß, allein mit einem einfachen Leinenhemd bekleidet, in seinem Raum. Er seufzte schwer, dann nahm er den Teekessel vom Feuer.

Es war kühl, aber zumindest nicht zu kalt, als Giselher vor das Wachhaus trat. Er stellte den Teekessel ab, ignorierte zunächst den verwirrten Blick des Rekruten. „Dankmar!“ blaffte Giselher den Rekruten an „Glaubt mir, dass ist noch nicht das Schlimmste, was ihr zu sehen bekommt! Wenn ihr etwas braucht, holt es jetzt aus dem Wachhaus, anschließend will ich Euch bis zum Morgen hier nicht mehr sehen!“ Der Gardist salutierte suchte dann eilig das Weite.
Fast musste Giselher laut auflachen. Ein schönes Bild musste das gewesen sein. Der Hauptman der Garde im Nachthemd, bewaffnet mit einem Teekessel….

„Ihr werdet die Nacht im Freien verbringen, ohne Decke, ohne Kleidung, dann reden wir darüber, ob ihr verstanden habt“ Dieser Herzog hatte offenbar mehr Dankbarkeit von Giselher erwartet. Dennoch, es fiel dem Gardisten schwer, dass man ihn ‚Herr‘ Giselher oder gar ‚Sir‘ Giselher nannte. Der Hauptmann zog sich das Hemd über den Kopf und setzte sich dann auf den Boden. Er schlang die Arme um sich nahm sich einen Becher Tee… es würde vor allem kalt werden. Der Boden war noch kühl genug, auch wenn das Haus einigen Schutz vor Wind bot…

Giselher schreckte hoch, der Mond stand noch niedrig. Der Tee in seiner Hand war längst kalt. „Ja!“ rief Giselher leise zurück, als er die Stimme Sethurs hörte „ich bin hier“. Fast tat ihm der junge Diener leid, der sich offenkundig unwohl näherte. Er hatte vom Herzog den Befehl erhalten zu prüfen, ob Giselher die Befehle befolgen würde.

Lange nachdem der Kämmerer weg war, dachte Giselher noch nach, lehnte sich mit dem Rücken an die Hauswand. Hätte es nicht auch ein Leinenhemd getan, oder ein Wachdienst? Eine Nacht eine Wand anstarren konnte sehr zermürbend sein. Giselher schüttelte den Kopf. Er war sich sicher, dass Herr Cinlir sich dabei etwas dachte. So oder so, fortan würde Giselher den Wert von Kleidung ganz neu bemessen…

Es war kalt. Giselher konnte die Sterne am Himmel sehen. Er legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen; diese Nacht wollte nicht enden. Giselher dachte an Alejandro. Er hätte einen anderen Weg gefunden, um Giselher soetwas zu eklären. Vermutlich hätte er irgendeine Aufgabe gefunden, die ihn gezwungen hätte, als ‚Herr‘ Giselher zu handeln. In sowas war Alejandro gut… man tat ständig Dinge, die man eigentlich nicht wollte, schlicht weil sie nötig und richtig erschienen…

Es dämmerte. Als Giselher die Augen aufschlug konnte er einen fahlen Lichtstreifen erkennen. Ihm taten alle Glieder weh. Er hatte mehr oder minder an der Hauswand gelehnt, was er nun im Rücken spürte. So würde also dieser Tag beginnen. Vielleicht war es das. Ein Neubeginn. Giselher erhob sich, als es hell wurde. Dann würde es das sein. Er würde also der Ritter des Fürsten von Minas Faer sein.

Der Hauptmann nahm sein Hemd und zog es sich wieder über. Das Feuer, vor dem er nun wieder stand, tat gut. Ebenso das frische Wasser, das er sich ins Gesicht schlug, um die die Müdigkeit zu vertreiben. Ein wenig ratlos sah Giselher erst zu seiner Uniform, dann zur Rüstung, die er am Vortrag getragen hatte. Er sollte sich besser bei Herrn Cinlir melden, bevor der nachfragen würde…

„Ich erhebe Euch, weil ihr Salas treu gedient habt und mir treu dient“ Die Worte des Herzogs kamen Giselher in den Sinn, während er noch unschlüssig auf Uniform und Rüstung schaute. Giselher musste grinsen. Dann machte er sich daran die schwere Rüstung vom Vortag anzulegen…

Hinterlasse einen Kommentar.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.