Kleinere Rätsel

Liebe Ioreth,
es ist ruhiger geworden seit der Ankunft des Fürsten und seiner Gattin. Und es scheint, dass beide Schritt für Schritt in ihrem neuen Haus ankommen. Was bleibt, sind die kleineren Rätsel.

Ich hoffe, Du siehst mir diese eher ungenaue Beschreibung nach, aber ich sehe mich nicht in der Lage, eine treffendere Beschreibung zu finden.
Wie Du Dich erinnern wirst, war es mein Mann, Atherton, der es letztlich auf sich nahm, seinen Bruder zu beerdigen. Er tat es heimlich, ohne jemanden zu informieren. Weder ein Miglied des Hauses noch ich wussten, was Atherton vor hatte oder was er letztlich tat.

Es hatte mich zunächst geschmerzt, dass er mich nicht ins Vertrauen gezogen hat. Aber wie ich Atherton kenne, geschah es zu meinem Besten. Er wollte mich wohl nicht in Verlegenheit bringen; er nannte die Beisetzung seines Bruders einen Diebstahl. Ich gestehe, liebe Freundin, ich kann dem nur schlecht folgen. Wer, wenn nicht der Bruder Alejandros hätte das Recht gehabt, ihn zu bestatten. Seine Gattin vielleicht. Aber sie war zu jener Zeit in Trauer verworren, kaum fähig einen klaren Gedanken zu fassen.

Was Atherton allerdings stahl, war das Pferd Alejandros. Auch hier kann ich nur ahnen, warum Atherton das tat. Vielleicht hat er erkannt, in welcher engen Verbundenheit Pferd und Herr eins standen, vielleicht wollte er beide auch im Tode ihren Weg gehen lassen. Atherton hat es mir nie erzählt – ich habe allerdings auch nie gefragt; wenn er es gewünscht hätte, hätte Atherton sicherlich berichtet. Er trauert – auf seine Weise und doch mache ich mir sorgen, denn Cinlir Winthallan, nun auch Athertons Lehnsherr, könnte sehr wohl wissen wollen, was aus jenem Pferd wurde. Und es wäre sein Recht, eine entsprechende Strafe auszusprechen. Mögen die Valar geben, dass dies gut ausgeht.

Immerhin, Atherton ist es gelungen Fürst und Fürstin zu treffen. Seine Scheu, andere Menschen zu treffen (vor allem jene des Adels) ist nicht geringer geworden. Ich glaube er hasst es, Graf zu sein und ich bedauere immer mehr, dass ich es im Grunde bin, die ihn dazu brachte, sich erheben zu lassen. Aber auch darüber verliert er mir gegenüber zu keiner Zeit ein Wort. Ich höre nie Vorwürfe oder auch nur die Andeutung, dass er unzufrieden ist. Vielleicht hat das Gepräch mit Fürstin Sybell geholfen; sie war sehr geduldig und zeigte sich zu meiner Erleichterung sehr verständnisvoll, obwohl es ein glatter Bruch jeder Höflichkeit ist, dass er ein Treffen derart herauszögerte. Verstehe mich nicht falsch, Ioreth. Atherton würde das ganz sicher nicht tun, um jemanden wilentlich zu verletzen, es ist schlicht seine Vergangenheit, die zu tief ihn ihn eingebrannt ist.

Ich ahne, was Du nun sagen würdest, liebe Freundin. Ja, ich weiß selber, dass meine Gedanken wiedereinmal überaus kleinteilig sind. Aber ich fürchte, was das betrifft, ist es mir kaum möglich mich zu ändern. Ich habe hier im Breeland nun viel Zeit und wie Du weißt, habe ich sie stets damit verbracht, zu versuchen das zu verstehen, was um mich herum geschieht.

Dies bringt mich zu einem weiteren Rätsel und es ist beileibe kein Kleines. Der Sohn Alejandros ist nun in Imladris, von der Mutter in die Obhut der Elben gegeben. Ich reiste dorthin, um Tesero wieder in seine Heimat zu holen, ich hatte vermutet, dass er nunmehr keine Eltern mehr hat. Darin irrte ich wohl. Herr Stillwind sagte mir sehr deutlich, dass Tesero der Sohn seiner Mutter ist, bevor er mein Neffe ist. Es ist frustrierend. Im Versuch an mein Haus und das Erbe Alejandros zu denken, ebenso wie daran, was es heißt eine Heimat zu haben,habe ich offenbar einiges übersehen. Ich kehrte also unverrichterer Dinge wieder zurück und berichtete Fürst Cinlir von meiner Reise. Er hat das bestmögliche getan und offiziell die Legitimität Teseros angezweifelt. Vermutlich werden es hier im Breeland wenige verstehen, aber er hilft so Sohn und Mutter, denn beide werden nun ohne jede Sorge oder verpflichtende Bindung leben können. Ich kann nur hoffen, dass ihm das vergolten wird. Er hat bereits jetzt viel für das Haus Minas Faer gewagt, das ihm trotz aller Bemühungen noch immer mit eniger Vorsicht begegnet.

Und so sehe ich also wieder einem Sommer im Breeland entgegen. Ich kann Dir nicht sagen, mit welchen Gefühlen. Sicher ist, dass ich mich hier heimisch fühle und dem Paar Winthallan wünsche, es möge endlich erkennen dürfen, dass es eine Heimat sein kann, mit Menschen, die durchaus treu sind, auch wenn sie auf dem ersten Blick als rau und aus gondorianischer Sicht sogar ungehobelt erscheinen mögen. Mir selber bleibt wenig, um darin zu helfen, aber wenn es in meiner Kraft steht und es mir gelingt, die kleineren und größeren Rätsel zu verstehen, so werde ich tun, wessen ich fähig bin.

Fühle Dich umarmt, liebe Freundin und schreibe mir, wie es Dir in Linhir nun ergeht.

Ellena Salas
Gräfin zu Mins Faer

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