Wachwechsel

Giselher saß noch lange an seinem Schreibtisch. Eigentlich brauchte er ihn garnicht mehr. Die Klingen würden fortan den Wachdienst des Hauses übernehmen. Giselher konnte sich dafür keine besseren Leute wünschen, das war sicher.

Dennoch war es seltsam. Das erste mal seit langer Zeit war der Hauptmann, der ehemalige Hauptmann um genau zu sein, ohne Aufgabe. Das stimmte so natürlich nicht ganz, immerhin gab es jeden Tag erneut zu lernen, was es heißt ein Ritter zu sein (oder zumindest so zu tun, als wüsste man dabei, worum es geht). Der Punkt war aber für Giselher ein anderer: er war nicht mehr Gardist, Wache oder was auch immer… er war sozusagen völlig zivil; ein ungewohnter Gedanke.

Giselher lehnte sich zurück, sein Blick lag auf der Schublade des Tisches, wo noch immer das Buch eingeschlossen war, das sein Herr ihm gegeben hatte. Viele hatten das Haus verlassen, waren verschollen oder sich sehr sicher, nie einen Eid oder zumindest den nicht so gesprochen zu haben. Er würde das Buch Cinlir zurückgeben und ihn bitten, es Ellena zu zeigen. Die Gräfin lebte seit einiger Zeit sehr zurückgezogen; vielleicht spürte auch sie, dass jene, für die sie so einstand, kaum noch da waren. Fast tat ihm der neue Fürst leid. Was hatte Cinlir geerbt? Ein Fürstentum mit bröckelnden Mauern? Einige Unverbesserliche, die bis zuletzt Alejandro Salas geglaubt hatten?

Und doch hatte ihm dieser Fürst alle Ehren erwiesen. Es waren Gishelhers eigene Worte, die den Wachwechsel vollzogen. Der Fürst hatte es ihm überlassen, das zu tun; als hätte er geahnt, was für ein Schritt das für seinen Hauptmann bedeuten würde. Giselher war heilfroh, dass er unter den Wachen der Klingen Männer sah, die er kannte, zumindest auch einen, den er einen Freund nennen würde. Und dennoch, würde er sich daran gewöhnen müssen, dass es nicht mehr seine Aufgabe war, den Schutz des Hauses zu gewährleisten.

Giselher konnte seine eigene Frage nicht beantworten. Alejandro war nicht mehr, seinem neuen Herrn würde er eine solche Frage nicht stellen wollen, das hatte er schlicht nicht verdient. Also stand er auf und ließ diesmal seinen Tisch wie er eben war; es war nicht mehr seine Aufgabe, die Wachdienste einzuteilen…

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