Verwandschaft

Giselher war müde. Eigentlich wollte er schon vor Stunden schlafen gehen; er hatte es aber bisher nicht geschafft, sich von seinem Tisch aufzuraffen, oder auch nur den Becher Tee los zu lassen, der längst kalt geworden war und den er nun schon seit einer ganzen Weile in der Hand hielt. Sein Notitzbuch lag vor ihm. Der Ritter hatte versucht, die Ereignisse irgendwie zu Papier zu bringen, und entgegen seiner Gewohnheit war es auch ein halbwegs zusammenhängender Text geworden, was man von den Ereignissen des Abends nur bedingt behaupten konnte …

Eigentlich dachte ich, dass ich heute Abend das glücklichste Paar des Breelandes vor mir habe Fürst hin oder her. Sie ist schwanger und Cinlir Winthallan ist sehr froh darum. Er dankt den Valar dafür, habe ihm gesagt, er soll anfangen seiner Frau zu danken, denn ihre Arbeit besteht erst noch bevor.
*an den Rand gekritzelt* Nach all der Zeit sollte ich das besser wissen, Leute von Adel sind nicht in der Lage ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen, ohne eine Katastrophe auszulösen.

Am späten Abend also stand dann die Fürstin in meinem Haus. Völlig aufgelöst und sie bat um Geleit der Klingen für eine Reise nach Gondor. Verflucht! Allein die Tatsache, zur Nacht hin ein Geleit zu bekommen, geschweige denn mitten in der Nacht eine Reise anzutreten, grenzt an Wahnsinn! Natürlich. Ich war blöd genug wirklich einige Klingen zu suchen. Zu meinem Glück konnten sie so kurzfristig niemanden entbehren, also suchte ich den Fürsten auf. Wieder ein verdammmtes Glück!
*an den Rand gekritzelt* Soviel dazu. Der Herzog vieler Schlachten, der ohne zu zögern einen Mann den Kopf abschlagen würde, lag ohnmächtig und völlig von Sinnen in seinem Haus, und ich musste ihn finden! So. In diesem Zustand

Ich habe versucht mit dem Fürsten zu reden. Das war ein völlig sinnloses Unterfangen. Der Mann hatte seinen Verstand irgendwo weit hinter Gondor gelassen (muss beizeiten den südlichsten bekannten Punkt auf einer Karte finden, falls ich mal sagen soll, wo genau der Verstand war) … stand neben sich.
Erst als ich mit ihm redete, als hätte ich einen Rekruten der Garde vor mir, wurde es besser; zumindest konnte er dann klare Antworten geben. Ich fand heraus, dass er seine Frau unter Arrest gestellt hatte, weil sie ihm ungehorsam erschien!
*an den Rand gekritzelt* Schön. Ich rede mit meinem Lehnsherrn, wie mit einem Rekruten und erteile ihn deutlich Befehle, von der späteren Entwaffung garnicht zu reden – muss bald mein Testament machen und mit Schwester Noire sprechen, wer weiß wie lange ich noch über die Sünden meines Lebens nachdenken kann.

Gondorianischer Adel! Dagegen ist ein breeländischer Bauer, mit Ausnahme von Robbi Dornlag! Wer sich dreimal am Tag von Orks entführen lässt hat den Verstand eines Huhns!, ein kluger, besonnener Mann. Wie kann man auf den Gedanken kommen, eine junge Frau, die in Begriff ist, das erste Mal Mutter zu werden, einsperren. Ich weiß nicht, ob sie in Gondor noch nicht raus haben, dass man mit seinem Eheweib ein Gespräch führen kann.
*an den Rand gekritzelt* Ich lese Bücher über das richtige Verhalten eines Ritters. Wenn das beeinhaltet, seinen Verstand außer Acht zu lassen, und seine Ehefrau wie ein unmündiges Kind zu behandeln, verzichte ich gern darauf und bleibe beim breeländischen Bauern.

Habe meinen Lehnsherrn unter Arrest gestellt und zwar in meinem Arbeitszimmer. Und ihm das Schwert abgenommen. In diesem Moment habe ich mir geschworen, dass ich den Mann erst da raus lasse, wenn er wieder bei Verstand ist.
*an den Rand gekritzelt* Nach meiner Theorie wäre das der Moment in dem er brüllend erst nach seinem Schwert und anschließend nach meinem Kopf verlangt. Habe mich gründlich getäuscht.

Am Ende habe ich der Fürstin den Schlüssel gegeben und bin raus gegangen. War ein verlockender Gedanke, gleich aufs Pferd zu steigen und bis Angmar durchzureiten, hätte mehr Erholung versprochen. Die beiden haben eine ganze Weile miteinander geredet und sind dann irgendwann aus dem Haus gekommen.

Wenn ich ehrlich bin, habe ich dem Fürsten zugetraut, dass er mich auf der Stelle erschlägt. So wie er sich insgesamt an diesem Abend verhalten hat, wäre ihm das durchaus zuzutrauen gewesen. Habe mich wieder gründlich geirrt.
Vielleicht hat meine Behandlung geholfen, eher aber das Gespräch mit seiner Frau oder was auch immer sie da drin getan haben. Jedenfalls dankten mir beide.
*an den Rand gekritzelt* Das dürfte das erste Mal sein, dass mir jemand dafür dankt, stur zu sein
.

Am Ende gewann ich einen Bruder. Seltsam das zu schreiben. Aber ich glaube wirklich, dass Cinlir Winthallan, Herzog und Fürst und insgesamt die Ausgeburt dessen, was sich der gemeine Mann als Adel vorstellt das ernst gemeint hat. Gut! Das wird es mir einfacher machen, falls mein Lehnsherr oder eben nun mein geliebter Bruder noch einmal auf den Gedanken kommen sollte, eben keinen verdammten Gedanken mehr zu haben.
*an den Rand gekritzelt* Habe Cinlir erklärt, was ich in einem solchen Fall mit meinem Bruder gemacht hätte. Oder eben dem Mann der gerade seine schwangere Frau in Schwierigkeiten bringt. Nimmt man es genau, hat er nun äußert nicht-adlige, breeländische Verwandschaft…

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