Aus der zweiten Reihe

Giselher räumte seinen Schreibtisch auf. Zumindest legte er sämtliche Papiere darauf zu einem ordentlichen Haufen zusammen, den er sorgsam am Rand des Tisches ablegte.

Eigentlich war das Unsinn. Es würde keine zwei Stunden brauchen, bis der Tisch wieder in sein übliches Chaos versinken würde. Im Grunde war es auch nicht nötig den verdammten Tisch aufzuräumen, es gab keinen Bürgermeister, der das kontrollieren würde. Sein Lehnsherr könnte das tun, aber der Hauptmann gewann mehr und mehr den Eindruck, dass Cinlir das nicht tun würde. Er war sich nicht mal sicher, ob Cinlir Winthallan weniger einen guten Hauptmann, als viel mehr einen guten Freund brauchte.

Ein Blick zum Feuer reichte Giselher, um festzustellen, dass Zarroc den Kessel samt Tee vorbereitet hatte. Sein Knappe nahm die Sache inzwischen richtig ernst. Erleichtert nahm sich der Ritter einen Becher Tee und ließ sich auf dem Stuhl vor seinem Schreibtisch nieder. Fast musste er schmunzeln. Er war nun, wenn er richtig mitgezählt hatte, das vierte Mal in den Rang eines Hauptmanns erhoben worden. Viel war seither passiert, fast der gesamte Haushalt Minas Faer war nicht mehr der ursprünglich. Giselher drehte nachdenklich den Teebecher in der Hand. Der Tee zumindest war geblieben – Tee war einfach wichtig, das zeigte sich mehr denn je.

Was seine alte und neue Arbeit betraf, die würde er wohl bewältigen. Also wieder Hauptmann einer Garde. Der Wunsch Cinlirs war wohl als das Vorrücken aus der zweiten Reihe zu verstehen. Was Giselher inzwischen eher sorgte, war was Cinlir ihm im Vertrauen gesagt hatte. Giselher hatte den verdienten Gefolgsmann des Bruders Enlirs Winthallan als einen möglichen Kandidaten vorgeschlagen, ebenso Elmion Cardaan, der bereits unter Alejandro Salas als Hauotmann gedient hatte. Natürlich hatte er auch an sich selber gedacht, aber zu diesem Zeitpunkt noch geglaubt, dass Cinlir eine Einschätzung aller verfügbaren Männer wollte – er hatte sich geirrt, das wurde Giselher langsam klar.

Was Cinlir brauchte, war ein Mann den er vertrauen konnte. Giselher wurde den Verdacht nicht los, dass der Fürst zu Minas Faer ein sehr einsamer Mann war, der wenige einen Freund nennen würde und wohl kaum jemanden einen Bruder. Sah man es aus dieser Perspektive hatte er Cinlir keinen großen Gefallen getan, als eher unwillig die Beförderung zum Hauptmann annahm…

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