Wenn

„Findet die übrigen Idioten, die hier den Held spielen wollten und bringt sie her!“ blaffte Giselher den Mann neben sich an. Der Soldat nickte und rannte dann los. Der Heermeister sah ihm nach, wandte sich dann vom Leichnam im Schlamm vor sich ab ging wieder in Richtung seines Zeltes, oder dem was er unter dem Schlamm als sein Zelt vermutete.

Tag 68
Zehn Tage lagerten sie nun hier. Zehn Tage zu lang, soviel war sicher. Ziel war es gewesen, der Vorhut unter Hauptmann Cardaan so schnell wie möglich zu folgen. Dessen Männer mussten mit einigen Widerstand rechnen. Immerhin sollten sie sowas wie den Brückenkopf in Richtung der Orkbesfestigungen errichten. Sie würden in den Wäldern weit unaufälliger sein, als die Hausmacht samt Tross – und vor allem schneller. Geistesabwesend nahm der Heermeister einen Becher entgegen, den ihm sein Knappe reichte. „Danke Therion. Geh und sag deinem Vater…“ er verbesserte sich rasch „Geh und sag Heermeister Elteror dass er einige Kundschafter losschicken soll. Ich will, dass jeder Bote, den Cardaan schicken mag, bestmöglichen Schutz erhält. Er soll auch seinerseits Boten losschicken. Cardaan muss die Stellung halten. Hast du das verstanden?“ Der junge Mann nickte ernst: „Ja, Herr! Heermeister Elteror soll Kundschafter losschicken, Boten des Hauptmanns sollen unterstützt werden!“ dann verließ er eilig das Zelt, während Giselher sich über den Tisch und die Karte darauf beugte.

Es dauerte eine Weile, bis Giselher wahrnahm, dass die Zeltbahn vor dem Eingang erneut zurückgeschlagen wurde und einer der Soldaten vor dem Heermeister Haltung angenommen hatte. Jener musterte den Heermeister nur kurz und entschied sich dann für einen knappen Bericht: die Männer, die versucht hatten, im Alleingang einen Weg durch die Linien zu finden, waren gefunden und zu Heermeister Elteror gebracht worden. „Sag Elteror, er soll keine Gnade walten lassen. Ich dulde weder Ungehorsam, noch Heldentaten, die außer dem Tod nichts mit sich bringen!“ der Soldat salutierte und verließ ebenso zügig wie zuvor der Knappe das Zelt. Erst draußen erlaubte der Mann sich ein bitteres Auflachen. Als hätte Heermeister Aldorn je anderes als Strenge in diesem Feldzug gezeigt…

Tag 76
Die Späher berichteten von den Verlusten. Cardaan musste an die 400 Männer oder mehr verloren haben. Sie selber lagen vielleicht noch zwei Tagesmärsche hinter ihm. Die Spuren wurden umso deutlicher. Es hatte erbitterte Kämpfe gegeben, das war nun klar. Sie hatten einen Boten gefunden von 12 Männern einer! Wütend schlug Giselher die Faust auf dem Tisch und sah in die Runde seiner Offiziere: „Wir sind zu langsam!“ er deutete auf die Karte vor sich und verschob einige Marker. „Zumindest sollten unsere Flanken hiermit gesichert sein“ Heermeister Elteror nickte und deutete auf einige Positionen hinter den Markierungen, die die Hausmacht des Herzogs darstellten. „Ebenso unsere rückwärtige Deckung. Der Nachschub ist also gesichert. Wir sollten entschieden besser voran kommen, zumal das gute Wetter anhält und die Wege auch für die Gespanne passierbar sind, Sir Giselher“ Giselher nickte und entließ bald darauf die Offiziere. Jeder von ihnen hatte die nötigen Befehle erhalten, sehr bald würden sie dem Hauptmann zur Hilfe kommen können…

Herrn Cinlir Winthallan,
Herzog zu Ost-Agar, Fürst zu Minas Faer

Mein Bruder,
die Dinge könnten besser stehen. sie könnten aber auch weit schlechter stehen. Wir haben die Vorhut eingeholt und stehen vor dem Zusammenschluss. Ich habe Hoffnung, dass wir Hauptmann Cardaans Männer während der Schlacht verstärken können, womit der Feind kaum rechnen wird. Er hat nach Schätzungen 400 oder mehr verloren, wir sind weitgehend ohne Verluste; jedenfalls gemessen an der Größe Deiner Hausmacht.
Das Schwert Deiner Vorfahren liegt in meiner Hand und wird genutzt werden. In Deinen Namen, in dem Deines Hauses…

Giselher seufzte und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Natürlich würde er den Brief nicht abschicken, fiele er in die Hände des Feindes, wäre das Überraschungsmoment dahin. Stattdessen legt er es zu einem anderen Schreiben, das er am Morgen aufgesetzt hatte:

Gernoth Aldorn,
Page in Diensten des Barons von Linhir

Geliebter Sohn,
ich weiß, dass Du Dir nichts lieber wünschst, als Deinen Herrn in den Krieg zu folgen oder wenigstens unter dem Banner unseres Herzogs zu reiten. Lass Dir von einem alten, besorgten Mann den Rat geben, dass der Krieg noch früh genug zu Dir kommen wird. Diene der Baroness gut, denn man wird Dich an Deinen Taten messen und es wird Deine Aufgabe sein, das Leben der Dame notfalls mit den Deinem zu schützen. Dein Dienstherr Baron Atherton wird ganz sicher allein deshalb beruhigt schlafen, weil er weiß, dass seine Gattin gut geschützt ist.

Der Heermeister hatte geschmunzelt, als er diesen letzten Satz schrieb. Sein Sohn war gerade 9 Jahre alt geworden und seine Vorbilder waren Männer wie Sir Zarroc Angor, Heermeister Elteror und dessen Sohn, der nun schon seit einiger Zeit als Knappe in Giselhers Diensten stand, und natürlich Herzog Winthallan, den der Junge förmlich verehrte. Er wusste, sein Sohn würde tagelang mit stolz geschwellter Brust durch die Gärten der Baroness laufen und erklären, dass er sie schützen werde. Gernoth war weit mehr Ritter als es dem Vater je gelungen war, so kam es Giselher zumindest zuweilen vor…

Tag 108
Die Briefe wurden erst nach der Schlacht abgeschickt. Zusammen mit den Listen über die Verluste. Gute Männer waren darunter. Sir Zarroc Angor war darunter. „Schlamm zu Schlamm“ hätte sein alter Freund wohl gesagt. Man hatte seine Leiche nie gefunden. Der letzte Mann der ihn lebend sah, berichtete, dass Angor lächelte, beide Waffen gezogen hatte und auf den Abhang zurannte, dem Feind entgegen…

Den Fall gesetzt, die Gegewart wäre anders…
Der Heermeister lehnte sich vorsichtig zurück. Die Wunde war wieder aufgebrochen und drückte noch immer auf die Rippe, sodass es ihm schwer fiel, lange zu stehen. Therion hatte besorgt nach seinem Herrn gesehen, war aber gegangen, nachdem Giselher ihn versichert hatte, dass alles in Ordnung sei. Er griff nach dem Becher Tee, den der Junge ihn hingestellt hatte, und erlaubte sich erst ein leises Aufstöhnen, nachdem der Sohn Tharlegonds das Zelt verlassen hatte. Eineinhalb Jahre hatte er nun im Feld verbracht; er freute sich auf sein Lehen – sogar darauf, es verwalten zu müssen. Er würde seinen Sohn sehen und einem alten Freund ein Schwert zeigen, wohl wissend, dass dieser es zu gerne selber geführt hätte. Der Krieg war vorbei …

Hinterlasse einen Kommentar.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.