Wachrunde

Es war noch früh am Morgen, als Giselher seine Wachrunde beendete und sein Haus betrat. Zugegeben, die Wachrunde hatte er nicht laufen müssen. Vermutlich hätte er sie nicht einmal laufen dürfen. Der Ritter war sich ziemlich sicher, dass es irgendein Buch gab, in dem stand, dass man als Seneschall seines Eidherrn nicht den einfachen Wachdienst versah. Wenn er ehrlich sein sollte. Er wäre auch nicht sehr begeistert, wenn Die Gräfin… die Baroness zu ihrer Zeit beschlossen hätte, mal eben eine Wachrunde zu drehen. Wahrscheinlich hätte er ihr eine Wache an die Seite gestellt. Giselher musste dann doch schmunzeln, als er den Helm auf dem Tisch abstellte. Es hatte doch seine Vorteile, gleichzeitig Hauptmann der Garde zu sein; er würde tunlichst davon ablassen, für sich selbst Wachen einzuteilen. Eigentlich ging es auch nicht um das Wachen, es ging um das Laufen, dabei konnte man nachdenken, und dafür hatte der Hauptmann nun wirklich genug Themen.

Zum einen war da Zarroc Angor. Es gelang Giselher noch immer nicht gänzlich, aus dem Mann schlau zu werden. Zarroc hatte gesagt, dass er Ritter werden wolle und dass er dies auf jeden Fall zum Erfolg bringen wolle. Es fiel Giselher noch immer nicht leicht, aber dies bedeutete natürlich auch, dass er selbst sich wie ein Ritter einem Knappen gegenüber verhalten müsste. Seit Zarroc vorübergehend in Diensten Tharlegond Elterors stand, war ihm das bewusster denn je. Der Hauptmann hatte Tharlegond gefragt und es war zudem unübersehbar: Zarroc machte seine Sache zeimlich gut und handelte sozusagen nach Lehrbuch – zumindest meistens. Giselher hoffte einfach, dass Zarroc verstehen würde, warum er sich ihm gegenüber verhielt, als hätte er diverse Bücher über das Ritterwesen verschluckt.

Ein weiterer Gedanken, den zu verfolgen sich lohnte, war sein neuer Posten: Seneschall also. Und er hatte es auch noch freiwillig angeboten! Giselher zuckte mit den Schultern und begann damit, sich einen Tee aufzugießen. Er wusste nicht, warum er das angeboten hatte, aber er hatte das Gefühl, dass es Cinlir vielleicht helfen konnte. Es war zuweilen sogar für einen Breeländer schwer, das Breeland zu verstehen. Wie kompliziert musste es da erst für einen Mann wie Cinlir sein. Ellena hatte sich schon vor Monaten mehr oder weniger aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen und Giselher musste sich eingestehen, dass er vermutlich geeignet war, dem Fürsten den üblichen Wahnsinn Brees zu erklären.

Tharlegond Elteror. Der Freiherr war definitiv ein guter Offizier, wahrscheinlich wäre er auch ein idealer Hauptmann der Garde. Das gestrige Gespräch stimmte Giselher dann aber doch nachdenklich. Der Leutnant war so bleich geworden wie die Pergamente vor ihm, als er Cinlir ihn Uniform vor sich stehen sah und in seiner Stimme schwang Panik mit, als er fragte, ob nun Krieg ausgebrochen sei. Verwirrend genug. Elteror hatte weit mehr Erfahrung auf dem Schlachtfeld als Giselher und ganz gewiss war er kein Mann der den Krieg scheute; immerhin hatte er unter Cinlirs Bruder bereits gedient und das mit Erfolg. Giselher nahm sich vor bei nächster Gelegenheit zu fragen, was den Leutnant so sorgte. Denn soviel war sicher: Wenn ein Mann wie Tharlegond mit Angst an den Krieg dachte, konnte es nur gut sein, wenn man dessen Gründe kannte…

Giselher nahm sich einen Becher Tee und ging zu seinem Tisch, wo er eine Liste der Mitglieder der Garde vorfand. Diese Männer und Frauen würden es letztlich sein, die das Leben des Fürsten selbst an einer verdammten Front zu schützen hatten. Er setzte sich und lehnte sich im Stuhl zurück. Inzwischen hatte der Ritter den Eindruck, dass die Garde eine funktionierende militärische Einheit war. Mit Tharlegond Elteror und Elmion Cardaan waren zwei Männer in der Garde, die ihr Handwerk verstanden. Die beiden Merouns hatten eine exzellente Ausbildung durchlaufen und versahen ihren Dienst stets tadellos (sah man vom kürzlichen Fehlverhalten beider ab; es waren eher Bagatellen und in Bryanne Merouns Fall sogar Dummheit: Zarroc Angor mit einer Laute niederschlagen zu wollen war in etwa so, wie mit einem Buttermesser einen Baum fällen zu wollen). Auch die übrigen Gardisten hatten sich an die nun doch deutlich strengeren Regeln gewöhnt und so verlief der Wachdienst zumeist reibungslos.

Giselher musste schmunzeln, als er an seinen neuesten Offizier dachte; Hauptmann Winthallan hatte seine Aufgabe mit einigem Elan und absolut tadelos erfüllt. Er hatte lange keinen Gardisten mehr erlebt, der mit leuchtenden Augen und voller Freude einen Befehl entgegennahm. Giselher hatte nicht schlecht gestaunt, als Cinlir sogar seinen Siegelring abnahm und auf Giselhers Befehl allein mit den Worten „Jawohl, Seneschall“ quittierte.
Letztlich kam Giselher zu dem Schluss, dass Cinlirs Aufgaben ganz neu zu bewerten sind: Stundenlang hatte der Ritter im Pony gesessen und versucht wichtig auszusehen, während Hauptmann Winthallan sichtliche Freude daran hatte zu erklären, wer im Raum ist und welche Aufgabe er gerade versah. Zu gerne hätte er das Gesicht Sybells gesehen, als ihr Gatte den Brief Giselhers überbrachte.

Der Ritter trank dann seinen Tee aus und streckte sich dann. Vielleicht würde er seine Arbeit heute einfach mal etwas später aufnehmen..

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