Jeder Weg führt zu sich selbst

Der Brief trägt allein das Siegel des Barons von Linhir, in Ellenas filigraner Schrift wurde der Empfänger des Briefes darunter benannt:

Liebe Ioreth,
allzu lange habe ich nicht zu Papier und Feder gegriffen. Vielleicht scheue ich mich davor niederzuschreiben, was nun einmal Tatsache ist; als würden Worte die Dinge noch realer erscheinen lassen. Es sind törichte Gedanken. Ob ich nun versuche, meine Gefühle niederzuschreiben oder nicht – es bleiben doch meine Gefühle. Ich weiß nicht wo ich beginnen soll oder wo ich enden soll. Oh, ich weiß! Du würdest herzhaft lachen und mir raten, am Anfang zu beginnen. Ich will es versuchen, liebe Freundin.Ich verliebte mich in einen Mann, der keinerlei Konventionen kannte. Der für mich den Sommer und zu diesen Zweck das Pferd seines Bruders stahl. Ich sah, wie dieser Mann sich um meinetwillen wandelte. Allzu oft habe ich mich gefragt, ob ich ihm ein Opfer abverlange, das zu groß ist. Atherton hat mir stets versichert, dass dies nicht so wäre. Und doch frage ich mich immer wieder, wann ich an meine Grenzen stieß.

Es ist mir nicht gelungen, meine Erziehung und all die starren Regeln hinter mir zu lassen. Bei den Valar, ich habe es versucht und ertappte mich dabei, wie ich mich nach Altbekanntem sehnte. Es war Sybell, die mich letztlich dazu zwang, der Wahrheit ins Auge zu sehen. Verstehe mich nicht falsch, ich bin dankbar dafür; denn allein hätte ich womöglich die Augen davor verschlossen und das Letzte was ich möchte ist, zu erleben wie ich ein so reines Geschenk, wie ich es von Atherton erhielt, vergebe. Während ich Dir dies schreibe wird mir bewusst, dass es vielleicht die Unschuld und das gänzlich unpolitsche Vorgehen Athertons war, das mich für ihn eingenommen hat. Ich bin versucht einen Vergleich zu nutzen und fast rieche ich den warmen Wind eines Sommertages, wenn ich die Augen schließe und an jene Tage denke.

Ich weiß nicht was uns einholte, aber ich hoffe inständig, dass Atherton sein Glück finden wird. Ich möchte unbedingt darauf vertrauen, dass er eines Tages seinen Platz finden wird. Unsere Ehe indes wurde annulliert. Das Schreiben des Fürsten liegt in diesem Moment vor mir, die Zeilen wirken so rational, als löse man einen Vertrag, bei dem eine der Parteien nicht die Bedingungen eingehalten hat. Ich weiß, Ioreth. Es ist ein Vertrag. Und als Grund der Annullierung wird eine nicht vollzogene Ehe benannt. Ja, auch diese Frage ist mir gestellt worden. Und wieder danke ich den Valar, dass Sybell sie mir gestellt hat. Ich glaube, ich wäre vor Scham vergangen, hätte der Herzog mir dieselbe Frage gestellt.

Mit der Annulierung verliere ich meinen Status als Gräfin zu Minas Faer und führe nun wieder Titel und Namen meiner Familie. Ich nehme an, mein Vater wird darüber nicht sehr begeistert sein; aber er hat weder die Zeit, noch ist er in der Verfassung zu realisieren, dass seine hehren Pläne nicht aufgegangen sind. Zudem wird er sich kaum mit mir auseinandersetzen müssen, der Fürst erlaubt mir in seinem Haushalt zu bleiben, solange ich es wünsche. Tatsächlich hat er meinen Vater darüber in Kenntnis gesetzt, dass ich unter dem Schutz seines Hauses stehe; fast mutet es seltsam an, ich war Verlobte eines Fürsten zu Minas Faer, die Gattin seines Bruders und bin nunmehr faktisch das Mündel eines Fürsten, wobei ich Herrn Cinlir zugestehen möchte, dass er sich sehr um mein Wohlergehen bemüht.

In alldem versuche ich die eigentlich simple Frage einer Freundin zu beantworten. Sybell fragte mich nach unserem Gespräch wie es mir gehe und ich muss gestehen, mir fiel keine klare Antwort ein. In gewisserweise bin ich erleichtert, weil nun ausgesprochen ist, wovor ich die Augen verschloss. Gleichzeitig trauere ich um Atherton, der so gut zu mir war und sich sicher anderes erhoffte. Es gibt noch ein weiteres Gefühl. Ich weiß nicht, wie ich es umschreiben soll. Villeicht ist die Erinnerung an gewohnte Strukturen, oder der nach längerer Zeit im Breeland doch ungewohnt höfliche Umgang, den Freiherr Tharlegond Elteror mir angedeien lässt.

Dies allerdings brachte ungeahnte Schwierigkeiten mit sich und ich fürchte, Freiherr Elteror hat den Zorn seines Eidherrn auf sich gezogen, als er ein privates Gespräch mit mir führen wollte. Sein Knappe Zarroc Angor (du wirst Dich an den Namen erinnern, er ist die Leibwache, die einst meine Tür aus den Angeln hob, um mich besser bewachen zu können) berichtete dem Fürsten, dass Herr Elteror und ich über die unerfüllte Liebe eines Mannes sprechen würden, für den die Dame seines Herzens unerreichbar sei. Es ist nur verständlich, dass der Fürst ganz offensichtlich nicht erfreut darüber war. Ich habe keine Vorstellung, über welche literarische Grundbildung Herr Angor verfügt, aber ich befürchte, dass es ihm bisher vergönnt war, sich mit Versmaß und Reimschema auseinanderzusetzen; anders kann ich mir seine Fehlinterpretation nicht erklären.

Liebe Ioreth, ich werde hier vorerst enden und muss nun wohl abwarten, was geschehen wird, oder ob der Fürst Pläne für meine Zukunft hat. Zugleich, und ich bitte Dich, dies überaus vertraulich zu behandeln, muss ich gestehen, dass ich einen Grund suche, der es mir erlaubt, Herrn Elteror zu bitten, unser unterbrochenes Gespräch weiterzuführen. Ich schulde ihm zumindest eine Anwtort, nachdem ihm seine Frage in eine derart missliche Lage brachte.

Fühle Dich umarmt und achte gut auf Dich,
Ellena von Linhir

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