Wie gewonnen so zeronnen

Giselher sah missmutig auf den Teekessel. Verdammt, der Tee schmeckte einfach nicht so wie sonst. Er hätte sich nun wahrhaftig nicht gedacht, dass er sich mal eingestehen würde, irgendjemand könnte besser als er Tee kochen. Der Ritter schüttelte den Kopf, dann sah er auf den Tisch vor sich, wo ein sorgsam ausgefertigter Brief von der Hand Sethurs lag.

Das Sprichwort stimmte also. Nur eben in umgekehrter Reihenfolge. Seit zwei Tagen war Zarroc Angor weg. Weder hatte er einen Auftrag, noch die Erlaubnis Giselhers, noch hatte er darum gebeten oder auch nur jemanden Bescheid gegeben. Zarroc Angor, der Knappe des Ritters von Ost-Agar und Minas Faer war schlicht weg. Wütend stellte Giselher seinen Teebecher auf den Tisch. Es war pures Glück, das der herausschwappende Tee nicht das vor ihm liegende Dokument traf.

Das konnte ihm nun wirklich keiner weis machen! Angor hatte 16 Jahre das Strafbattalion überstanden, sein Körper bestand praktisch aus Narben und der Mann hatte Situationen überstanden, die bei weitem die Vorstellungskraft eines gedienten Soldaten übertrafen. Solch ein Mann verunglückte garantiert nicht tragisch mitten im Breeland. Soviel dann zu Giselhers Fähigkeiten als Ritter. Sein Knappe hatte sich, so wie es aussah, davon gemacht. Sollte Giselher je wieder einen Knappen haben, würde der kein leichtes Leben haben, das wusste der Ritter seit dem Morgen ziemlich sicher…

Ja. Auch das musste sich Giselher eingestehen. Er wurde mehr und mehr Gondorer. Wenn das weiter so ging, würde man ihm sogar in Gondor glauben, dass er Ritter eines Herzogtums war. Ein Schmunzeln stahl sich auf Giselhers angespanntes Gesicht: Bryanne; sie hatte einen Vertrag mit dem Fürsten aufgesetzt, der ihm (ausgerechnet ihm!) ein Lehen aus der Hand seines Herrn bescheren würde – oder eher aus der Hand seiner Gattin. Fast musste Giselher sich am Tisch festhalten, so schwindelig wurde ihm allein bei dem Gedanken daran. Irgendwas musste er im Leben wohl richtig gemacht haben (auch wenn Ausbildung von Knappen derzeit nicht dazu zu zählen war, aber das war im Grunde nicht mehr wichtig). Anders konnte sich Giselher nicht erklären, warum ihm Bryanne begegnet war…

Wie um sicher zu gehen, dass er nicht träumte, las er erneut die Urkunde, die Bryanne ihm mit diesem unvergleichlichem Blitzen in den den Augen überreicht hatte:

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