Was vom Tage übrig blieb

Es war noch früh am Morgen, als Giselher aufwachte. Neben ihn lag Bryanne Meroun. Nein. Neben ihm lag seine Frau. Bryanne Aldorn! Kurz schloss er die Augen und schlug sie wieder auf. Sie war immer noch da. Ein Lächeln stahl sich auf das Gesicht des Ritters und behutsam strich er eine Haarsträhne von Bryannes Wange.

Noch immer fiel es ihm schwer zu fassen, was am letzten Abend geschehen war. Sicher, er hatte gewusst, dass Cinlir ihm den Segen geben würde. Was er aber nie geahnt hätte, war all das, was Bryanne und ihm… was seinem Haus geschenkt wurde. Ein ungewohnter Gedanke, aber tatsächlich war es so. Cinlir hatte ihn einen Erbtitel verliehen. Giselher wusste inzwischen genug über Gondor, um zu wissen, dass ihm hier mehr als nur eine formelle Ehre erwiesen wurde.

Langsam stieg Giselher aus dem Bett, in der Hoffnung seine Frau nicht zu wecken. Für einen kurzen Moment blieb er am Fußende des Bettes stehen und betrachtete die schlafende Bryanne. Sie sah friedlich aus und er konnte sich gut vorstellen, dass sie ihm Wärme spenden würde, wie sie es in ihrem Eid gesagt hatte. Der frisch gebackene Ehemann musste schmunzeln. Vor wenigen Stunden sah sie nicht annähernd so friedlich aus, da hatte er die besagte Wärme eher als Feuer empfunden…

bry_gis.pngAuf den Weg aus dem Schlafzimmer sammelte Giselher seine Kleidung auf, die noch immer verstreut am Boden lag. Ein kurzer Blick durch den Raum zeigte ihm, dass er zumindest noch genug Verstand besessen hatte, seinen Waffengurt über die Stuhllehne zu hängen, wo er ihn nun einsammelte. Leise schloss er die Tür hinter sich und betrat, wie er nunmal geschaffen war, aber bepackt mit seiner Kleidung, den Hauptraum. Schon wieder musste Giselher schmunzeln. Der Teppich unter dem großen Tisch leuchtete im kräftigen lila.

‚Passend zu den Armreifen‘ ging es Giselher durch den Kopf. Der seine lag am linken Handgelenk. Tharlegond hatte sie anfertigen lassen und weder Kosten noch Mühen gescheut, sie rechtzeitig zur Vermählung verschenken zu können. Sie wirkten dezent, auch wenn sie au Gold gefertigt waren, hatten aber im Innern eine Gravur, die nach den Worten des Freiherrn durchaus auch lila schimmern konnte. Lächelnd besah Giselher den Armreif. Er würde sicher noch oft mit dieser Farbe zutun haben, denn seine geliebte Herrin Bryanne Aldorn schätze sie ganz offensichtlich sehr.

Der Ritter brauchte nicht lange. Nachdem er sich mit kaltem, sehr kaltem, Wasser gewaschen und angezogen hatte, machte er sich daran den Tee zu kochen. Er griff nach der Tabakdose, die eher eine Teedose war, wie sich herausgestellt hatte. Saladoc hatte sie dagelassen und eine Karte dazu geschrieben. Giselher war sich sicher, dass es keinen besseren Tee gab, um diesen Morgen zu beginnen. Den ersten Morgen als Ehemann.

Auch das eher ungewohnt. Also nicht den Tee zu kochen, aber zu wissen, dass fortan nicht mehr alleine leben würde. Wieder stahl sich ein Schmunzeln in sein Gesicht. Dieses Wissen war nicht das Schlechteste, zumal Bryanne wunderbar unkompliziert war und scheinbar gut damit leben konnte, dass er umso komplizierter war. Ein Blick in das Chaos seines Hauses reichte, um das zu beweisen…

Inmitten dieses Chaos‘ stand der Tisch, auf dem Elmion gestern die Geschenke des frisch getrauten Paares abgestellt hatte. Giselher ging zum Tisch und nahm eine der Schachfiguren zur Hand, die zu einem Spiel gehörten, dass Elmion ihnen geschenkt hatte. Es war sehr exakt gearbeitet worden; das wurde Giselher einmal mehr klar, als er sich erst das weiße Königspaar und dann das schwarze betrachtete. Man konnte sehr gut erkennen, dass das weiße Paar Cinlir und Sybell darstellen sollte, während er die schwarze Dame besonders mochte: es waren unverkennbar Bryannes Züge, die Elmion der Figur gegeben hatte. Behutsam stellte er die Figur wieder ab. Gleich neben dem Brett lag die Zeichnung, die Fianah beiden geschenkt hatte. Giselher war wirklich gerührt. Das Mädchen besaß sicher nicht viel und hatte doch ein wunderbares Geschenk gemacht. Das Bild zeigte Giselher und Bryanne, einander zugewandt. Bryanne hatte vorgeschlagen es zu Drakon zu schicken. Er fand, dass das eine gute Idee war, auch wenn Giselher noch immer still hoffte, dass Drakon bald wieder im Breeland sein würde.

Giselher nahm den Kessel vom Feuer und goss den Tee auf und zwar in die neue Teekanne. Diese war ein Geschenk der Rekrutin Jendayi Ndapewa. Passend zu den beiden Bechern, die zum Geschirr gehörten, war auf das weiße Porzellan eine Mohnblume gemalt worden. Der Ritter musste sich anstrengen, nicht aufzulachen, als er beiden Becher und dann die Kanne auf ein Tablett stellte. Das sah sicherlich großartig aus. Noch immer lag der kleine Beutel mit den blauen Beeren neben dem Geschirr. Zur Fruchtbarkeit hatte Jendayi gesagt. Daran wollte Giselher nun noch nicht denken, oder doch, aber nicht so. Wie auch immer. Jedenfalls war die Sache eigentlich ganz einfach. Was immer passieren würde, es würde eben passieren.

Allerdings würde das dann nicht eben wenig sein! Cinlir, sein Eidherr und sein Bruder im Geiste, hatte Giselher erneut zum Ritter geschlagen. Giselher hatte es zunächst nicht verstanden, aber das hatte sich sehr bald geändert. An der Hand des Ritters war nun ein Siegelring, einen ähnlichen trug seine Frau. Der Ring war das äußere Zeichen, seines Hauses. Seines! Hauses. Das war nun wirklich eine neue Größenordnung. Cinlir hatte seinen Titel erblich gemacht. Langsam dämmerte Giselher, was Tharlegond meinte, als er sagte, dass der Stand eines Ritters weit mehr bedeuten würde, als für sich selbst einzustehen.

Seltsamerweise war es aber nicht Sorge, ob der hohen Verantwortung, die Giselher plagte. Eher das Gegenteil war der Fall. Ob gewollt oder nicht, aber Cinlir war es gelungen, dafür zu sorgen, dass der Hauptmann nun wirklich seine Erhebung wahrnahm und danach handelte. Er war jetzt der erste seines Hauses… des Hauses Aldorn. Giselher schmunzelte, dann nahm er das Tablett mit dem Tee und trug es behutsam ins Schlafzimmer. Die andere Hälfte (und weit schönere Hälfte, wie er nach einem Blick zum Bett und der darin schlafenden Bryanne feststellte) des hohen Hauses Aldorn sollte wenigstens an diesem Morgen nicht den Tee machen. Eid hin oder her.

Als Giselher nach draußen trat atmete er tief durch. Die Sonne ging eben auf und so setzte er sich auf eine Bank und begann sein Schwert auszubessern. Auch dabei musste er schmunzeln. Den Wetzstein, den er verwendete, hatten sie von Gardistin Cilita Montgomery geschenkt bekommen. Sehr passend. Zwar schlief in dem Haus hinter ihm eine wunderschöne Frau, aber sie war eben auch eine Klinge. Lächelnd legte Giselher den Wetzstein auf den Treppenabsatz und gürtete seine Waffe. Mit federnden Schritt ging er gen Haupthaus…

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