Wenn im Wald ein Baum fällt …

Giselher war müde, als er sein Haus betrat. Bryanne war noch nicht da und so war es Faelorn, der den Ritter begrüßte und klugerweise auch keinen Becher Wein, sondern Tee für seinen Herrn bereit hielt.

Giselher überließ dem Knappen Helm, Handschuhe und Waffengurt und ging dann in sein Arbeitszimmer. Vielleicht würde es helfen, wenn er versuchen würde, die Ereignisse zu Papier zu bringen…

Eine halbe Stunde später lag das Notitzbuch des Hauptmanns noch immer unberührt da. Langsam begann Giselher zu verstehen, warum Cinlir zuweilen eine gefühlte Ewigkeit ins Feuer starrte. Es half beim Nachdenken, irgendwie. Cinlir schien ohnedies mit einigen seiner Entscheidungen zu hadern, was aber auch nicht weiter verwunderlich war.

Sethur Izhkarioth hatte also darum gebeten, dass seine Gefährtin Teresa dem Haus den Eid leisten darf. Warum er es tat, blieb Giselher ein Rätsel. Entweder Sethur begegnete einem mit einer Maske aus höflichem Lächeln oder er bewertete jede Person als verachtenswert; zumindest solche, die nicht stündlich darüber nachdachten, was nun der tiefere Sinn eines Eides wäre oder ob Freiheit und Würde überhaupt möglich wären, wenn man sich an die Regeln hält. Ein Eid musste dieser Logik nach ja dem Verrat an der eigenen Person gleich kommen.

Giselher schloss die Augen. Es würde ihn nicht wundern, wenn Izhkarioth dauerhaft Kopfschmerzen hätte. Der junge Schreiber konnte einem fast leid tun. Sicherlich war es nicht einfach, in einem Haus Dienst zu tun, dessen Mitglieder sämtlich Feiglinge oder wie er es wohl nannte, Hunde an der Kette ihres Herrn waren.

„Danke“ murmelte Giselher, als sein Knappe den Tee brachte und er nutzte die Unterbrechung, um sich seinem Notizbuch zuzuwenden. Als sich die Tür hinter Faelorn schloss, waren es ganze zwei Worte, die der Ritter zu Papier gebracht hatte. Eid – Ehre. Wenigstens hatte er beide mehrfach unterstrichen und mit Fragezeichen versehen.

Und das war eigentlich das Tragische. Cinlir zweifelte an sich selbst. Über Jahre stand er dem Herzogtum Ost-Agar vor und wusste immer was er tat. Ein strenger Herr, wie Giselher inzwischen wusste und auch schon am eigenen Leib erfahren hatte. Aber eben auch einer, der sein Leben für die seinen geben würde. Fast musste Giselher schmunzeln. So verschieden die beiden Fürsten Minas Faers auch waren, dies hatten sie wohl doch gemeinsam. Und nun stand sein Bruder Cinlir an einem gänzlich neuen Punkt. Er hatte einen anderen Weg versucht und war damit nicht erfolgreich genug. Ein Winthallan legte wohl höchste Maßstäbe an, vermutlich gerade an sich selbst.

Den geraden Weg also. Der Haushalt würde sich darauf einstellen müssen. Cinlir hatte es mit Verständnis versucht und würde nun wieder zurück zu seinen Wurzeln kehren. Faeryllian hatte das zu spüren bekommen. Wobei das auch nicht wirklich stimmte. Es schien eher so, als hätte Cinlir dem Korporal seines Bruders Enlir einen Gefallen getan. Der Mann war bereit, jede Konsequenz zu tragen. Wahrscheinlich hätte er es beinahe als Kränkung empfunden, wäre sein Angebot nicht angenommen worden.

Giselher kam nicht umhin, Cenedor für seine Standhaftigkeit zu respektieren. Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie sehr jeder einzelne Schlag schmerzte und trotz der Salbe, die Drakon ihm seinerzeit gab, waren einige Narben geblieben. Und die,jenigen für die der Mann den Schmerz auf sich nahm? Sie würden es nie erfahren. Vielleicht war das auch besser so. Giselher nahm an, beide oder zumindest doch Izhkarioth, hätten Gründe gefunden, warum das alles die Schuld Cinlirs war oder die Cenedors. Am Ende stünde ein Gleichnis von einem geprügelten Hund, da war der Hauptmann sich ziemlich sicher.

Giselher seufzte und trank einen Schluck Tee. Noch immer war die Seite eher leer, sah man von der misslungenen Zeichnung eines knurrenden Hundes und dem Namenszug ‚Alrich‘ darunter einmal ab. Der Ritter betrachtete das Bild und klappte dann das Buch zu. Er würde heute garantiert nichts mehr zu Papier bringen, es gelang ihm ja kaum, seine Gedanken zu sortieren…

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