Ein letzter Brief

Liebe Ioreth,
ein letztes Mal möchte ich Dir schreiben. Die Dinge werden sich wohl nachhaltig verändern und das Einzige, was mir die Vorfreude auf die kommenden Tage ein wenig trübt, ist die Tatsache, dass ich Dich nicht sehen kann.

Aber wie Du mir zu recht vorwerfen wirst, beginne ich wieder einmal mittendrin. Vergieb mir liebe Freundin, ich will versuchen, die Ereignisse ein wenig zu sortieren.
In meinem letzten Brief schrieb ich Dir, dass Tharlegond Elteror um meine Hand anhalten wird und auch, dass er die Erlaubnis meines Muntherrn und Athertons dazu hat. Ich kann Dir nur schwer beschreiben, wie sich mein Leben seither verändert hat, liebe Ioreth!

Ich lebe nach wie vor sehr zurückgezogen. Es gibt nur sehr wenig, was mich noch mit diesem Haus verbindet. Zuweilen treffe ich mich mit der Herzogin. Sie ist mir eine gute Freundin geworden hier und ihre Kinder zu beobachten, ihnen zusehen, wie sie förmlich jeden Tag etwas neues entdecken ist eine wahre Freude. Es gibt eine Reihe neuer Gesichter hier -und ich muss gestehen, zu den meisten finde ich längst nicht den Zugang, den ich vielleicht suchen sollte.

Da wäre eine junge Dame. Sie ist Freiin aus Tarlang. Sie spricht, wie man mir berichtet hat, die Sprache der unsterblichen Elben und ist so wie ich ein Mündel des Herzogs. Ursprünglich kam sie als Magd in dieses Haus, aber es stellte sich überraschend heraus, dass sie eine Dame von Stand ist. Gab es also anfänglich große Schwierigkeiten, diese junge Dame aus ihrer Schüchternheit und ihrer schier endlosen Qual zu erlösen agiert sie nun selbstbewusst und voller Elan als Gesellschafterin. Sie hat eine bewundernswert kurze Zeit benötigt, sich von ihrem schweren Trauma zu lösen, so mag es zumindest den Beobachter erscheinen (und das bin ich derzeit wohl) und sie erfüllt ihre Aufgabe überaus gewissenhaft. So habe ich bereits aus ihrer Hand eine Einladung erhalten, worin sie im Namen der Herzogin zum Abendessen bittet.

Ich merke, ich bin derlei Zeremoniell kaum noch gewöhnt und ich suche es auch nicht mehr. Ich freue mich jeden Tag aufs Neue auf die Treffen mit Tharlegond, und ich darf Dir versichern, liebe Freundin, ich vernachlässige durchaus ein ganz klein wenig die Regeln des guten Anstandes. Die Valar wissen, ich erröte während ich das nur schreibe! Sie wissen allerdings auch, dass Du nun vermutlich siegessicher lächelst!

Oh, Ioreth! Es sind im Grunde nur noch wenige Stunden, bis ich in die Hände Tharlegonds gegeben werde. Der Herzog wird die Trauung durchführen. Du wirst aber nicht glauben, was Tharlegond zudem erwirkt hat. Einer der hohen Elben dient diesem Hause als Berater und er wird uns nach der Trauung den Segen seines Volkes geben! Er hat zu diesem Zweck sowohl mit Tharlegond als auch mit mir gesprochen.

Es war seltsam. Ihn anzusehen war, als blicke man in einen tiefen Brunnen, in dessen Grund man sich spiegelt. Das Bild ist fern und doch sehr klar; so klar, dass es beinahe schmerzvoll ist. Er hat mir Fragen gestellt und ich sage Dir, es ist unmöglich, seine Seele vor einem seines Volkes zu verbergen. Kein Lächeln, keine Geste scheint abzulenken. Ich kann Dir nicht sagen, ob meine Antworten richtig oder falsch waren, oder auch nur, ob es ein richtig oder falsch überhaupt geben kann! Ach, ich weiß meine Gedanken kaum zu ordnen. Eine hohe Ehre scheint dies zu sein, und ein Blick in die eigene Seele. Ich weiß nun, was mir das Wertvollste an Tharlegond ist. Vielleicht kann ich es nur sehen, aber ich sehe es und bin unendlich froh, dass er mir seine Liebe schenkt.

Meine liebe Freundin, fühle Dich umarmt und geküsst, für dieses letzte Mal noch unterschreibe ich mit

Ellena von Linhir

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