Ein Weg zurück

Es war still geworden im Haus des Medicus‘, und Giselher war dankbar darum. Er brauchte diese Stunden, brauchte sie, um sich zu erinnern und vielleicht brauchte er sie auch, um einmal nicht der Gefolgsmann des Herzogs von Ost-Agar zu sein.

Die erste Wache an der Bahre Zarroc Angors wollte Giselher selber halten. Nicht, weil Zarroc Angor einen Eid gebrochen hatte und auch nicht, weil Zarroc Angor ohne ein Wort des Abschieds gegangen war. Er tat es, weil der Mann wiedergekommen war. Die Gründe konnte der Seneschall nur erahnen. Dennoch dürfte Zarroc bewusst gewesen sein, dass ihm hier nur der Tod erwarten konnte.

Giselher schluckte hart und straffte dann seine Haltung. Er hätte das tatächlich getan. Er hätte den Mann getötet, den er einen Freund nannte, der ihm soweit vertraut hatte, dass er sich unter seinen Schutz begab. Vielleicht war Zarroc zurückgekommen, um aufrecht zu sterben, wie ein Krieger, der er immer war; ganz egal, ob er nun als Waffenknecht oder als Knappe diente. Giselher musste feststellen, dass ihn der Gedanke Unbehagen bereitete und vielleicht war er auch dankbar, dass es nicht an ihm sein musste, dem Leben Zarrocs ein Ende zu setzen.

Bryanne hatte ihm erklärt, dass er sich nicht schuldig fühlen müsse. Sie kannte die harten Regeln; denn ein Bruder der einen Eid verletzte, wurde von seinen Brüdern gerichtet. So war es beim alten Alrich Dorn geschehen und so war es Mitgliedern von Merouns Klingen auch schon zuvor ergangen. Es war ein ehrenhafter Tod, gemessen nach dem strengen Kodex Gondors. Gemessen nach dem, was Giselher in seiner Jugend lernte, war es das nicht. Aber er war nun einmal nicht mehr jene junge Bauer aus dem Breeland und auch Zarroc Angor hatte seine eigenen Vorstellungen von Ehre.

Ein leichtes Schmunzeln stahl sich auf das Gesicht des Wachenden. Er wusste, dass Zarroc all‘ diese Begriffe von Ehre und Loyalität meistens als völligen Unsinn abtat. Das änderte für Giselher aber nichts an der Tatsache, dass Zarroc durchaus danach lebte. Er hatte sich dem Herzog und seinen Regeln gebeugt, er hatte letztlich anerkannt und, so hoffte Giselher, zumindest akzeptiert, welchen Weg sein Freund Giselher ging. Und zu guter letzt: Zarroc war zurückgekommen. Er hatte bewusst den Weg nach Hause gesucht.

Noch im Tode, so dachte der Ritter während die Nacht fortschritt, war Zarroc Angor der Stein als der er immer bezeichnet wurde. Er meinte damit nicht den über die Jahre geschundenen Körper, der von Heridan und Bryanne so gut es ging für die Aufbahrung hergerichtet wurde. Zarroc hatte nicht verraten, was ihn wieder gen Heimat trieb, oder etwa, weshalb er sie verlassen hatte. Verschlossen wie ein Stein. Stur wie ein Stein, fügte Giselher in Gedanken hinzu und muste abermals Schmunzeln. Seit er Zarroc kannte hatte dieser immer wieder getan, was er eben für richtig hielt. Zumeist war es das wohl auch, nur hatte sein Freund ein unglaubliches Talent, sich mit seinen guten Taten in Schwierigkeiten zu bringen.

Giselher dachte an die erste gemeinsame Dienstzeit, damals bei einer privaten Hauswache eines Händlers, und an die folgenden Jahre, meist gemeinsam dienend. Bei aller Sturheit, Zarroc hatte sich immer als unerschütterlicher Freund erwiesen und er hätte für die seinen vermutlich sein Leben gelassen – vielleicht hatte er das am Ende auch. Giselher wendete sein Blick und betrachtete das nunmehr starre Gesicht seines Freundes. Auch dieses Rätsel würde Zarroc mit in sein Grab nehmen.

Giselher war bewusst, dass er hier im Grunde einen Eidbrecher die Ehre erwies, einen Mann der sich von dem Haus abgwendet hatte, das zu schützen sein eigener Eid war. Cinlir würde das vermutlich nicht gefallen, aber er erwies nicht einem Eidbrecher die Ehre, er gab einem Freund das letzte Geleit. Giselher wusste nicht, ob das Zarrocs Wunsch gewesen wäre und wahrscheinlich war es auch so, dass solche Dinge etwas waren, die für die Lebenden nötig waren. Giselher jedenfalls war es wichtig, Zarroc als Krieger zu bestatten, mit einem Schwert in der Hand. Er wusste ebenso nicht, ob es Götter gab, die Zarroc angerufen hätte. Wenn es sie gab, dann hatten diese Götter ja Zarrocs ganzes Leben Zeit gehabt, sich seiner anzunehmen. Im Tode war das für Zarroc vermutlich weit weniger richtig. Also sprach der Ritter keine Gebete. Cwenwesc hatte Worte für den Toten gefunden, vielleicht waren sie ja erhört worden, vielleicht auch nicht. Es erschien so unwichtig, nun da Zarroc alle Qualen seines wahrhaftig nicht leichten Lebens himter sich hatte.

Als Giselher seine Wache beendete atmete er die Nachtluft tief ein, in der Hand hielt er einen Becher Met. Heridan hatte ihn bereitgestellt. Auch daran würde man denken können, wenn man an das dachte, was Zarroc Angor war. Die Unbilden seines Lebens hatten ihn vielleicht hart wie Stein gemacht, sie hatten Zarroc aber scheinbar auch gelehrt, das zu schätzen was man hatte und das auch zu genießen. Der Ritter blickte in den Himmel und musste wieder schmunzeln: Met gehörte dazu.

Giselher war sich nun sicher, dass er Zarrocs Leichnam auf einem Schiff verbrennen lassen würde, zusammen mit dessen Waffen und der Rüstung. Es schien ihm ein gutes Ende für einen Mann, der Zeit seines Lebens gereist war und nur selten in einer Heimat engekommen war. Selten, aber zuweilen eben doch. „Willkommen daheim, alter Freund“ sagte Giselher leise in die Nacht, bevor er den Metbecher leerte.

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