Liebe Freundin

Der Brief ist in der üblichen feinen Handschrift verfasst, allerdings war der Bote fast versucht umzudrehen und zu fragen, ob das Ziel des Briefes denn stimme, denn es lautete nicht wie sonst ‚Ioreth zu Linhir‘. Der Bote zögerte kurz, unterließ dann aber sein Unterfangen und überbrachte den Brief dort, wo Ellena ihm geheißen hatte.

Liebe Sybell,
ich freue mich, von Dir zu hören und ebenso freue ich mich, dass Du wohlauf bist. Auch wenn Dich sicher dieses eine Problem quält. Ich bin dennoch voller Zuversicht, dass die Valar Dir schenken, worum Du so inständig bittest. Ich wünsche es Dir und Deinem Gatten vom Herzen. Wer weiß, vielleicht kann Dir dieser Alchemist mit seinen Tinkturen behilflich sein. Ich selber kenne Ihn nicht, aber Sir Aldorn beschreibt ihn als einen soliden Mann, der sehr in seine Arbeit vertieft ist. Ich habe noch nicht ganz raus, was Sir Aldorn unter ’solide‘ versteht, aber ich wage zur Zeit noch nicht, ihn solche Fragen zu stellen, ich fürchte das würde ihn doch sehr verunsichern.

Meine Gedanken, liebe Sybell, sind stets bei meinem Haus und das heißt auch hier im Breeland. Ich werde natürlich bleiben, solange der Lehnsherr meines Gatten das für nötig erachtet, und bitte missverstehe mich nicht: ich bin durchaus gern hier, verheißen mir die Tage doch Ruhe und einen Frieden fernab von Intrigien und der Gefahr einer falschen Geste. Und auch dies soll nicht ungesagt bleiben: Wo immer ich bin, und ich nenne Dich an dieser Stelle gerne meine Freundin, werden meine Gedanken bei Dir sein; sei es nun hier oder fern des Hauses. Ich kenne die Einsamkeit in der Fremde und wenn ich kann, will ich sie Dir gerne nehmen.

Umso weniger ist es meinen Wunsch, die Geschicke Athertons zu lenken. Er hat so viel aufgegeben um mir Nahe sein zu können. Du hast es selbst erlebt; wenn er einen Gedanken auf dieser Welt hasst, dann ist es der Graf zu sein, der nötig wurde, damit mein Vater dieser Ehe zustimmte. Wie könnte ich ihn da lenken, oder gar subtil ihm zu dem machen, der er nie sein wollte. Nein, ich würde es nicht über mich bringen, Atherton das anzutun. Ich hoffe, es wird ihm vergönnt bleiben, soviel wie möglich er selbst zu bleiben.

Ungebraucht, liebe Sybell, fühle ich mich keineswegs. Ich freue mich, dass Du und der Fürst ihren Platz in diesem Haus gefunden haben. Ich wage zu hoffen, dass ich als Seneschall dem Fürsten ein Haus übergab, das er nun nach seinen Willen führen kann.
Dies ist dann auch meine einzige Sorge. Sir Aldorn besucht mich häufiger (ich habe den Verdacht er tut es, um zu sehen, ob mein Gatte und ich wohlauf sind) und wenn ich ihn darum bitte, berichtet er mir, was im Haus vor sich geht. So habe ich von den vielen, die Minas Faer den Rücken kehrten, gehört. Man kann es Herrn Giselher ansehen, es plagt ihn und ich kann ihm das gut nachvollziehen. Er ist ein Mann voller Ideale, die er scheinbar nicht aufgeben möchte – und doch muss er erkennen, dass viele, die einst einen Schwur auf das Haus leisteten, es verließen, nachdem sein Gründer von uns ging. Es erfüllt auch mich mit Trauer, wurden meine Worte doch gleichsam Lügen gestraft, als ich den Fürsten einst verprach, dass er vielleicht raue Menschen, wohl aber überaus treue Seelen um sich habe…

Es ist nun wie es ist, liebe Sybell, und ich habe keine Mittel, dies zu ändern. Vielleicht ist es das, was meinen Blick gen Heimat gehen lässt, selbst wenn dieser Blick mir zeigt, dass eine Reise gen Gondor zunehmend schwieriger wird. Die weiße Stadt ist sehr nahe Linhirs, ich bin mir dessen bewusst, zu jeder Stunde. Und so magst Du am Ende recht haben und ich sollte mich wahrhaftig auf das besinnen, was man gemeinhin die Stärken einer Frau nennt. So werden wir uns, wenn es uns erlaubt ist, bald sehen und uns den Dingen widmen, die fern der Sorgen unserer Gatten liegen. Auch ich freue mich zu jeder Zeit über ein Wiedersehen, liebe Freundin.

Fühle Dich umarmt und sieh mir nach, wenn ich es wage, in diesem Brief auf den meiner Fürstin zustehenden Respekt zu verzichten. Sieh es als Wunsch, mehr mit einer Freundin, denn einer der Hohen Gondors zu sprechen.

Ellena Salas

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