Aus der Heimat in die Heimat

Der Brief  ist in der üblichen, sorgsamen Handschrift verfasst worden und trägt das Siegel des Hauses Elteror. Adressiert ist er an Sybell Winthallan, deren Name mit allen dazugehöriegn Titeln aufgeführt wurde. Überbracht wird er durch einen Boten, der seiner Kleidung nach Linhir dient.

Liebe Sybell,
leider finde ich erst jetzt einen Boten, dem ich weit genug traue, meine Briefe sicher bis ins Breeland zu bringen, ich hoffe Du wirst mir das nachsehen. Weit mehr als das hoffe ich allerdings, dass Du und Deine Familie wohlauf seid. Ich hoffe, Du wirst mir sehr bald schreiben, wie es Aiylis und Theron geht, ich bin wirklich begierig darauf zu erfahren, wie es Euch allen im fernen Breeland ergeht.

Ich selber bin sicher hier angekommen, auch wenn die Seereise durchaus eine Herausforderung darstellte. Die Besatzung von Kapitän Moury, vor allem ihre Navigatorin, schätzt Fremde nicht sehr. Zudem war ich in der Kabine von Fräulein Cutting untergebracht; ein Umstand der sie mit steten Misstrauen erfüllte. Ich kann Dir versichern, dass ich mich so gut es ging an ihr Gebot hielt, nichts in ihrer Kabine anzurühen (bei manchen Dingen darin war ich auch sehr dankbar, dies nicht tun zu müssen). Dies allerdings machte meine Reise zu einer sehr eintönigen Fahrt. Ich habe es sehr bedauert, dass ich nicht Tharlegond an meiner Seite haben konnte, denn die Auflagen während der Reise erlaubten natürlich nicht allzuviel Zerstreuung.
Die Überfahrt verlief sonst ohne Schwierigkeiten. Soweit ich das einschätzen kann, führt Kapitän Moury ihr Schiff mit der nötigen Effizienz, was in Anbetracht der Einzigartigkeit der Besatzungsmitglieder sicherlich Anerkennung verdient.

Meiner Ankunft hier sah ich mit sehr gemischten Gefühlen entgegen. Immerhin ging ich einst, um mit Fürst Salas verheiratet zu werden und komme nun zurück, bereits zum zweiten mal im Stand der Ehe und in keinem Fall war es besagter Fürst. Ich bin sehr glücklich, dass meine Familie Tharlegond sehr schnell anerkannte. Seine Erfahrung in Diensten des Heermeisters Enlir Winthallan kommt ihn dabei sicherlich ebenso zu Gute, wie die Tatsache, dass er nun im Stand eines Freiherrn steht. Die Ehre meines Hauses erscheint also für die Berater meines Vaters nicht befleckt.

Nicht nur deshalb bin ich froh, dass es Tharlegond ist, der an meiner Seite steht. Wann immer er Zeit findet, widmet er sie mir und es fällt ihm keineswegs schwer, sich den Gepflogenheiten des höfischen Lebens zu fügen, selbst wenn es nur ein kleiner Hof, wie der meines Vaters ist. Noch immer ist mein Bruder bei meinem Vater nicht hochangesehen, es liegt also im Bereich des Möglichen, dass Tharlegond die Amtsgeschäfte führen wird. Mein Vater ist dazu längst nicht mehr in der Lage. Wir können alle nur hoffen, sein Leid zu lindern, aufhalten können wir den Lauf der Zeit indes nicht.

Wäre ich nicht stets in Sorge um meinen Vater und das Land, das so sehr von ihm abhängt, ich wäre glücklich, liebe Sybell! So sorgsam ich im Breeland im Hause des Fürsten aufgenommen war, so blieb mir das Land selbst doch immer ein wenig fremd, als stünde ich stets einen Schritt neben dem Geschehen und würde nicht so recht verstehen, was direkt vor meinen Augen geschieht. Hier fühle ich mich ein wenig mehr verstanden und dank Tharlegond muss ich mich nicht hinter einer Fassade verbergen.

Natürlich ist es auch eine Freude, die Weggefährten meiner Jugend wieder zu treffen, auch wenn der Preis dafür ein äußert hoher ist. Denn nun muss ich Dich missen, und jene, die mir das Haus des Fürsten zu einer Heimat gemacht haben: aber es bleibt mir die Hoffnung, dass wir einander schreiben und ich so an dem Teil haben kann, was dem Breeland stets einen Platz in meinem Herzen einräumen wird.

Wenn Tharlegond von seiner Erkundung Linhirs zurück ist, werden wir nach Ethring reisen, das nicht nur ich, sondern sicherlich auch Tharlegond kennenlernen muss. Ich bin sehr gespannt, wie meine neue Heimat sein wird und sehe also den kommenden Wochen vor allem mit Neugier entgegen.

Liebe Freundin, bleibe wohlauf im Norden. ich umarme Dich und wünsche Dir stets erhellte Wege
Ellena Elteror

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