Nachgedanken

Inzwischen hatte sich im Tagesablauf Giselhers eine gewisse Routine eingestellt und der Ritter war auch ganz froh darum. Zwar war es noch immer gewöhnungsbedürftig, die meisten Dinge nicht mehr selber zu tun, aber Giselher war entschlossen, auch dies in den Griff zu bekommen. Wäre doch gelacht, wenn er nicht schaffen würde, was Prinz Nanndir von ihm wollte.

Der Morgen allerdings gehörte Giselher allein. In letzter Zeit schlief  Bryanne morgens etwas länger, sodass Giselher oft das Haus verließ, um seinen ersten Becher Tee auf den Stufen seines Hauses zu sich zu nehmen. Eondra war offenbar stets vor Sonnenaufgang wach, denn Giselher fand jeden Morgen seine Kleidung ebenso wie frischen Tee vor. Anschließend nahm der Knappe seine Übungen auf, die unter anderem vorsahen, dass er einige Runden lief.
Giselher hob grüßend die Hand, als er Eondra das zweite mal am Haus vorbeilaufen sah. Zielstrebig und konzentriert lief der junge Mann seine Runde. Giselher vermutete, dass er garnicht bemerkt worden war. Überhaupt war dies derzeit der hauptsächliche Wesenszug, den er an dem Rohir ausmachen konnte. Giselher war sich nicht sicher, woran es lag, aber wahrscheinlich verbarg der Mann inzwischen einfach alles in dieser Richtung. Verwunderlich war das kaum, immerhin war die Dame, für die er sich all dies antat, wieder in Gondor, oder würde da sehr bald sein. Die Tage bevor sie ging waren für den Knappen vermutlich auch nicht die einfachsten gewesen, wobei auch das eher eine Vermutung Giselhers war.

Es lag wohl in der Natur der Sache, dass Eondra sich nicht gerade seinen Dienstherrn suchte, um  mitzuteilen, welche Sorgen ihn plagten. Irgendwann kam er sicher noch dahinter, dass Giselher es nahezu als seine Pflicht sah, dem Jungen… vielmehr dem jungen Mann Unterstützung zu bieten.
Zumindest in einer Sache hatten sie eine stille Übereinkunft getroffen. Die Anforderungen Prinz Nanndirs stellen für beide eine gewisse Herausforderung dar. Eondra, weil es ihm wohl jede Anstrengung kostete sich vor Nanndir zu beherrschen, dem er zuletzt unterstellt hatte, sich seiner Dame unsittlich zu nähern und Giselher, weil es ihm einigermaßen schwer fiel, anzuerkennen, dass er der höfischen Form wegen, einen verdammten Bericht als Gedicht zu schreiben hatte. Nun, es war natürlich nicht wirklich ein Gedicht, das er zu schreiben hatte, aber Giselher gewann den Eindruck, dass das höfische Leben irgendwie etwas mit Schnörkeln zutun hatte. Er wusste noch nicht genau was, aber er würde dahinter kommen.

Der Ritter stellte seinen Teebecher auf die Stufen neben sich und ging wieder ins Haus. Solange Eondra seinen Aufgaben nachkam, würde er ins Haupthaus gehen und dort nach dem Rechten sehen, bevor er wieder zurück kam, um mit Bryanne ein gemeinsames Frühstück haben zu können. Diese Freiheit hatte sich Bryanne herausgenommen: als Sethur das erste Mal versuchte, unaufällig neben dem Tisch zu stehen, um zu servieren hatte sie ihm lachend angedroht, dass er sich setzen und mitessen müsse, ohne dass er etwas mit ‚Jawohl, mein Herr‘ oder ‚Jawohl Milady‘ bestätigen dürfte. Seither aßen beide allein und Giselher genoss diese Momente jedes Mal aufs Neue.

Der Seneschall ließ sich Zeit auf dem Weg ins Haupthaus und wie so häufig ging er dabei die kleine Wachrunde durch die Siedlung. Nanndir… Prinz Nanndir gab ihm zu denken. Der Mann bewegte sich irgendwo zwischen der strengen Aufforderung auch ja als Winthallan anerkannt zu werden und dem, so schien es Giselher zumindest zuweilen, Versuch, nicht völlig einsam an einem Ort wie dem Breeland sein zu müssen. Giselher nannte Cinlir einen Bruder, und eben diesser hatte ihn gebeten, Nanndir zu helfen. Der Ritter überlegte noch, wie diese Hilfe aussehen konnte, schloss aber ein freundliches, brüderliches Schulterklopfen, einen Schnaps und ein ebenso freundliches ‚Ich grüße Dich, Nanndir!“ irgendwie aus, zumindest bisher.

Als der Ritter die Tür des Haupthauses erreichte nickte er Barakah zu. Irgendwann musste Giselher mal rausbekommen, ob der Mann je schlief, oder diesen Posten verließ. Als der Seneschall schließlich das Haus betrat, folgte ihm Barakah bereits und stellte sich schweigend neben die Tür, während Giselher durch die Briefe sah. Drei davon nahm er mit, er würde sie nach dem Frühstück Cinlir zeigen, die übrigen Dinge konnten warten oder eben durch Giselher selbst beantwortet werden. Er nahm kaum wahr, dass der Gardist salutierte, als er den Raum verließ, zumindest das war ihm inzwischen äußerst vertraut.

Die pflichtbewusste Wache an der Tür erinnerte ihn an den Hauptmann. Dessen Garde zur Zeit, das stand außer Frage, ihren Dienst tatdellos versah. Allerdings schien dem Grafen etwas zu wiederfahren, was Giselher aus seinen eigenen Zeiten als Hauptmann allzu gut kannte. Man konnte bei dieser Arbeit leicht das Wesentliche aus den Augen verlieren. Der Hauptmann musste sich teilen und irgendwo zwischen Graf, Hauptmann, Soldat und Ehemann seinen Weg finden. Es würde sich zeigen, wie gut das dem Hauptmann gelingen würde.

Giselher atmete tief durch, als er wieder aus dem Haus trat. Das zumindest war nicht sein Problem. Er musste vielleicht lernen, wie man sich nicht alleine anzog, aber er hatte wunderbare Aussichten auf die Zukunft. Sie hieß Bryanne und unter ihrem Herzen trug sie Giselhers erstes Kind, was also konnte die Welt schon Schlechtes bereit halten. Nichts!

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