Heimkehr

Über Nacht hatte es ergiebig geschneit und nun lag die Landschaft unter einer weißen Schneedecke, die alle Geräusche dämpfte und die vor allem jede Arbeit unmöglich machte. Die beiden Jungen mussten also nicht, wie sonst, bereits in der Frühe an die Arbeit. Wach waren sie dennoch. Sie wollten die freien Stunden nutzen und stoben förmlich aus dem Haus, sobald sie mit ihrer Mahlzeit fertig waren und sobald der mürrische Gernoth sie gehen ließ.

Er ließ sie gehen. Der Mann war nun in den mittleren Jahren und er spürte mit jedem Winter mehr, dass er nicht jünger wurde. Die Kälte machte ihm zu schaffen und er wurde weich. Früher hätte er den Jungen ganz bestimmt nicht erlaubt, die Arbeit ruhen zu lassen. Sie mussten hart arbeiten, für das was sie hatten. Julfest hin oder her. Es war wohl auch derselben Sentimentalität des Alters zuzuschreiben, dass der Alte noch einen Augenblick an der Tür stehen blieb, um den beiden Jungen nachzusehen.

In der sonst so weißen Welt sah er den feuerroten Haarschopf seines Sohnes und den dunklen seines Neffen sehr deutlich, auch wenn beide bereits nahe des Haupthauses waren. Wahrscheinlich würden sie zu diesem seltsamen Einsiedler Saeradan gehen. Der Knabe hatte schon immer gern dessen Geschichten gelauscht. Gernoth grummelte, auch wenn er das eher aus Gewohnheit tat. Dann schloss er die Tür, ließ die Kälte draußen und widmete sich dem Topf über dem Feuer. Vor zwei Jahren hatte das noch seine Frau getan. Aber der letzte Winter hatte seinen Tribut gezollt.
Es würde nicht mehr lange dauern, dann würde sein Sohn seinen Weg gehen, dessen war sich Gernoth sicher. Er fürchtete sich ein wenig davor. Wer wusste schon, wohin es den Jungen verschlagen würde, wer wusste schon, was ihm außerhalb der kleinen und überschaubaren Welt eines Bauern erwarten würde…

“Du Feigling!” Das feuerrote Haar war von einer feinen Schneeschicht überzogen und der Fluch des dazugehörigen Jungen ging eher in einem Lachen unter. Noch im Lauf nahm er sich zwei Handvoll Schnee und gab es damit seinem Cousin gehörig zurück. Als beide endlich bei der Hütte waren, waren sie vollkommen durchnässt und freuten sich, sich ein paar Minuten am Feuer von Meister Saeredan aufzuwärmen. Mit etwas Glück hörten sie eine seiner Geschichten von fernen Ländern und längst vergangenen Königreichen, bevor sie wieder aufbrachen. Außerdem hatten sie einen Gruß zum Julfest dabei. Es war unter den Bauern nicht unbedingt üblich, Geschenke auszutauschen. In der Regel gab es für das Gesinde ein großes Essen, im Winter die einzige Zeit, zu der man sich den verschwenderischen Umgang mit Lebensmitteln erlaubte.
Dieser Fall war allerdings anders gelegen. Die Jungen hatten gute Äpfel dabei und hatten es sogar geschafft, von Frau Dornlag einen ihrer Kuchen zu bekommen. Der Preis war hoch gewesen. In den den letzten Tagen hatte Frau Dornlag ein unerbittliches Regiment über sie geführt und beide hatten in der Küche ordentlich anpacken müssen. Aber für Meister Saeradan ging das in Ordnung, er war immer für sie da und hatte ja sonst auch keine Familie oder einen Hof.

Es begann bereits zu dunkeln, als Giselher endlich heimkehrte. Schon von weitem sah er, den Rauch aus den Schornstein aufsteigen und hinter den Fenstern sah man den Wiederschein des Feuers. Unwillkürlich verschnellerte er seinen Schritt. Ja, er hasste das Leben hier und es war ihm zuwider. Er würde gehen, sobald er nur alt genug war. Aber der heutige Abend? Der gehörte seiner Familie und die erwartete ihn jetzt zum gemeinsamen Essen. Jenen Stunden, in denen man die Dunkleheit und Kälte des Winters vertrieb. Jenen Stunden, in denen man den Seinen gedachte und dafür dankte, dass man sie hatte.

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