Ein Buch, von dem niemand gedacht hätte, dass du es gelesen hast (24/31)

Diese Frage finde ich nun wirklich nicht so leicht zu beantworten. Ich erinnere mich allerdings an ein Gespräch mit einer Kollegin während der Ausbildung. Sie sah in meiner Tasche ein in Leder gebundenes Buch, dessen Titel sie nicht sehen konnte, weil er lediglich in das Leder geprägt urde. Auf Nachfrage sagte ich dann, dass das die Bibel sei, woraufhin sie mich anstarrte, als hätte ich gerade verkündet, dass ich ein gesuchter Topterrorist bin. Es hat mich ein längeres Gespräch gekostet zu erläutern warum ich sowas abstruses, wie die Bibel lese. 

[box type=“note“ border=“full“]Deutsche Bibelgesellschaft (Hrsg.): Die Bibel. Nach der Übersetzung Martin Luthers, Stuttgart 1999.[/box]

„Ich finde, man kann die Bibel ruhig mal gelesen haben, ist ja offenkundig ein bedeutsames Buch“ war für die Kollegin absolut keine vernünftige Erklärung. Ich musste hart an mich halten, nicht einfach die Hände zum Gebet zu falten, sie versonnen anzuschauen und sowas zu sagen wie: „Auch Du wirst geläutert werden, Schwester!“ Ich nehme an, sie wäre schreiend aus dem Raum geflohen. Sie sah ohnehin schon stark verunsichert aus. Ich vermute, sie stufte mich als Fundamentalistin ein. Nur Fundamentalisten haben religiöse Bücher in der Tasche.

Ich versuchte es also mit einer profanen Erklärung. Ich sei Historikerin und gerade bei antiker oder eher noch mittelalterlicher Geschichte wäre die Kenntnis der Bibel unerlässlich. Immerhin gibt es eine Reihe von Kreuzzügen, Kriegen und längerer Dispute, bei denen es um die Religion oder sogar die Bibel selbst ging. Die Kollegin nickte, noch immer nicht wirklich beruhigt, und fragte kritisch weiter: „Weshalb die ganze Bibel? Da reichen ja auch einzelne Stellen?“ Ich musste passen und gab reumütig zu, dass ich ja nicht die ganze Bibel gelesen habe, im übrigen würde sich das Neue Testament doch in etwa vier Geschichten ziemlich gleichen, zumindest, was dem jeweiligen Kern der Geschichten anginge. Das müsse man wirklich nur lesen, wenn man die Unterschiede derselben vergleichen wollte.

Der Kollegin war das alles zu heikel geworden, offenbar bewegte sie sich auf ganz gefährlichem Terrain. Ich habe mich nicht getraut zu sagen, dass ich auch eine deutsche Übersetzung des Korans in meinem Regal habe, die Folgen für mich wären vermutlich fatal gewesen und ich hätte mich im Verhörraum irgendeiner Polizeibehörde wiedergefunden. 9/11 war noch nicht lange her seinerzeit.

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