Warum zur Hölle wurde dieses Buch verfilmt? (29/31)

Die Geschichte gehört zu den zentralen Sagenstoffen, die in der erzählenden Literatur des Mittelalters verarbeitet worden sind. Das ist auch kein Wunder, denn es gibt vermutlich kaum eine bewegendere Liebesgeschichte als die von Tristan und Isolde. Das dachten sich leider auch einige Filmemacher und so wurde der Stoff verfilmt. Da ich die mittelalterliche Vorlage von Gottfried von Straßburg kenne, war die Trauer entsprechend groß, als ich sah, was aus dieser tragischen Geschichte gemacht wurde. 

 Tristan und Isolde (2006) besser in der Textform Gottfrieds von Straßburg: Tristan. Nach dem Text von Friedrich Ranke (mhd/nhd), Stuttgart 1995. 

Mein Problem ist hauptsächlich, dass die Geschichte auf eine schnulzige Romanze reduziert wird. Dabei geht es eigentlich um ein komplexes Geflecht aus Treue, Loyalität und eben auch Liebe.
Tristan ist aufgrund eines Trankes unsterblich in Isolde verliebt. Der Trank war natürlich nie für Tristan gedacht, sondern sollte dafür sorgen, dass Isoldes künftiger Ehegatte sich unsterblich in sie verliebt.

Der Ehegatte, König Marke von Cornwall, ist nämlich in vielerlei Hinsicht das Problem. Zum einen ist er König und damit Herr von Tristan. Tristan wiederum ist nicht irgendwer, sondern der Neffe des Königs. Marke hatte ihn bei sich aufgenommen und liebt und vertraut Tristan so sehr, dass er ihn als Erben einsetzen will, falls er selber keinen Sohn zeugen sollte. Ganz nebenbei wurde Tristan ausgesandt, um Isolde als Braut für seinen König heimzuführen.

Tristan muss sich also fortwährend zwischen seiner Liebe und Treue zu seinem Onkel und König und der fanatischen Liebe zu Isolde entscheiden. Für das Mittelalter und erst recht für das Ideal des Ritters ist das in jeder Hinsicht fatal. Seinem König hat man zu dienen und seiner Königin hat man tiefen Respekt zu zollen. Aber bitte aus der Ferne und keinesfalls so konkret wie es bei Tristan und Isolde der Fall ist.

Es kommt wie es kommen muss. König Marke erfährt von der Beziehung der beiden und fordert ein Gottesurteil von seiner Königin. Vor Gott kann niemand lügen, aber es scheint, als würde Gott ab und dann ein Auge zudrücken, denn Isolde bedient sich einer List und besteht so die Probe. Eigentlich unerhört, Gott derart ein Schnippchen zu schlagen, aber um ihre Ehre zu behalten (und als Königin ist das ein wirklich wichtiges Gut) wagt sie schon einiges.

Da Marke herausbekommen will, ob seine Frau je bei einem anderen Mann gelegen hat, soll sie einen Schwur leisten, der dies ausschließt. Natürlich, dachte sich Isolde, nichts leichter als das, solange wir ‚bei einem Mann liegen‘ ein wenig unsauber definieren.

Tristan wartet also als Pilger verkleidet am Ufer, wo das Schiff samt Hofstaat erwartet wird. Das Schiff kam und jemand musste die Königin von Bord an das Ufer tragen. Selbstverständlich boten sich sämtliche Ritter an Bord an, doch Isolde lehnte dankend ab, sie habe fürs Erste genug davon auch nur in die Nähe eines Ritters zu geraten, weil das ja gleich unwürdige Prozesse und Gottesurteile nach sich zöge.
Der Pilger wurde also gebeten. Der war ja quasi heilig und damit absolut ungefährlich in den Augen der Ritterschaft und es Königs. Hätten sie nur ihre Augen etwas genauer benutzt, oder vielleicht verlangt, dass der Pilger seine Kapuze absetzte.

Kaum war Isolde an Land getragen stürzte der Pilger und ehe er es sich versah, hielt er in den Armen Isolde, die freilich sofort von den Rittern König Markes umringt war, um ihr aufzuhelfen. Der folgende Eid, immerhin vor Gott, dem König und seinem gesamten Gefolge gegeben, dürfte einzigartig sein und bezeichnet sehr gut, welch unlösbares Problem diese beiden Liebenden vor sich hatten:

vernemt, wie ich iu sweren will:
daz mînes lîbes nie kein man
dekeine künde nie gewan
noch mir ze keinen zîten
weder ze arme noch ze sîten
âne iuch nie lebende man gelac
wan der, vür den ich niene mac
gebieten eit noch lougen,
den ir mit iuwern ougen
mir sâhet an dem arme,
der wallere der arme. 
Hört, was ich beschwören will:
dass niemals irgendein Mann meinen Körper
kennenlernte
und dass niemals
weder in meinen Armen noch an meiner Seite
außer Euch ein lebender Mann gelegen hat,
abgesehen von jenem, für den ich nicht
schwören und den ich nicht abstreiten kann,
den ihr mit eigenen Augen
in meinen Armen saht, den armen Pilger

(V. 15 706 ff.)

König Marke glaubte seiner Frau übrigens. Genau wie Gott, denn der sendete nicht augenblicklich einen Blitz oder ließ Isolde ob der Lüge einfach umfallen. Genaugenommen hatte sie ja auch nicht  gelogen, nur eben nicht erwähnt, wie oft sie schon in den Armen des Pilgers lag. Unwichtige Details.

Und um endlich auf das Thema zurückzukommen: Es erscheint mir eigentlich unmöglich, diese großartige Geschichte in einem Film unterzubringen. Vor allem, wenn das dann eine schmalzige Liebesgeschichte wird. Es hat übrigens auch nicht geholfen, dass Henry Cavill da mitgespielt hat, der natürlich weit besser aussah, als der Darsteller des Tristan; um das auch gleich noch klarzustellen.

3 Kommentare

  1. Welch dramatische Geschichte! Irgendwie kannte ich die nur so halb. Oh, die muss ich mal lesen. Leider beherrsche ich im Gegensatz zu meiner somit um einiges cooleren Schwester nicht mal ansatzweise Mittelhochdeutsch. Sag mir mal, welche Version ich lesen sollte. Bitte eine dramatische, aber nicht nur schnulzige.

  2. In dem Fall solltest Du unbedingt die Version lesen, die ich hier vorgestellt habe. Sie enthält neben dem mittelhochdeutschen Text auch eine sehr gute neuhochdeutsche Übersetzung. Ich finde ohnehin, dass eine simple Prosaübertragung dem Stoff keinesfalls gerecht wird 🙂

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