Lehrjahre sind keine Herrenjahre

Es geht doch nichts über solche Weisheiten, die sich dann auf ungefähr jeden Bereich des Lebens anwenden lassen. In diesem Fall  auf meinen unmittelbar nach Geigenkauf folgenden Versuch, mit dem Instrument zurecht zu kommen. Ich hatte zunächst naiv gedacht, Geige sei gleich Geige. Aber weit gefehlt. Für mich machen sich schon geringe Änderungen in den Abmessungen des Instruments bemerkbar. Lehrjahre sind aber vor allem für Geigenbauer offenbar keine Herrenjahre.

Meine Geige ist ein handgefertigtes Instrument, was für diese Preisklasse eher ungewöhnlich ist. Da darf man normalerweise solide Manufakturarbeit erwarten. Will heißen, ein Geigenbauer fertigt aus bereits hergestelten Einzelteilen das Instrument und stellt es dann ein. Die Geschichte meiner Geige indes ist wohl auch die Geschichte eines Lehrlings (dessen Namen ich leider nicht kenne).

Mein Geigenbauer beschäftigt immer wieder Leute aus ganz Europa, darunter eben auch solche, die das Handwerk erst erlernen. Es ist Tradition, dass jeder Lehrling oder Geselle, der bei ihm lernt, ein Geschenk mitbringt. Dies können Werkstoffe sein, es kann aber auch ein altes Instrument sein, das überarbeitet werden muss, oder eben auch ein neues Instrument. Einer der Lehrlinge brachte also eine Geige aus seinem ersten Lehrjahr mit, das er in Italien, Cremona verbrachte. Sie ist nach allen Regeln des Handwerks gefertigt, das geübte Auge (nämlich das des Geigenbauers) erkennt aber, dass manche Arbeiten noch nicht ganz so filigran ausgeführt worden sind.

Er zeigte mir das am Beispiel der Schnecke, die beim Lehrstück größer ausfällt. Selbst konnte ich das bemerken, als ich das gute Stück in meinen Geigenkasten unterbringen wollte und erstmal daran scheiterte, weil der Kasten für den Korpus zu eng war. Ein schnell lösbares Problem, wenn man die Sache mit ein wenig Nachdruck im Wortsinn angeht. Sonst aber enstpricht die Geige allen Anforderungen und ich finde, sie klingt auch sehr voll und vor allem in den hohen Tönen nicht so elend quitschend. Sogar, wenn ich diese hohen Töne erzeuge! Das motiviert doch gleich, weiter zu üben, üben, üben.

<strong>Schnecken im Vergleich</strong></br> Rechts die zu groß geratene Schnecke des Lehrlings.<strong>Detail der neuen Geige</strong><br>Sogar Steg und Lack rund um den Steg sind absolut unangetastet. Für Geigen fast ungewöhnlich.Autsch!

PS.: Lehrjahre sind nicht nur keine Herrenjahre, es sind auch schmerzensreiche Jahre. Da ich bis zur nächsten Übungsstunde mit dem neuen Instrument zurechtkommen möchte und derzeit noch nicht arbeiten muss, habe ich meine Übungszeiten ausgeweitet. Das Ergebnis ist noch nicht so sehr hörbar, vor allem aber spür- und sichtbar.

2 Kommentare

  1. Ich wünsch dir weiterhin viel Erfolg! Vielleicht bist du ja irgendwann so weit, dass du dich traust, was vorzuführen. Wenn ich mein Klavier unter den Arm klemmen könnte, könnten wir ein Duett machen.

  2. Bestimmt bin ich irgendwann soweit. In zwei oder drei Jah… bald!
    Was das Klavier betrifft, das kannst Du ja quasi unter den Arm klemmen, so in elektronischer Form. Bis dahin kann ich ja die Geige unter den Arm klemmen. Wird das ein schönes Duett 🙂

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