Giselher in Tamriel

574 – neuer Rekrut

Der Unteroffizier fluchte und duckte sich unter dem Schwert seines Gegners weg.
„Könnt ihr mir sagen, was das wird, Rekrut?“, knurrte er. „Ich bin sicher, der Gegner wird geduldig abwarten, bis Ihr Euch aufgestellt habt und eine Idee davon bekommen habt, wo etwa das spitze Ende hingehört.“
„Ich habe doch aber…“. Viel weiter kam der Rekrut nicht mit seiner Verteidigung. Das Schwert seines Ausbilders war wieder in Bewegung und zwang den Rekruten, Schritt um Schritt zurückzuweichen, um den Schlägen zu entgehen.
„Schild!“, brüllte der Unteroffizier. „Das ist zur Verteidigung, wenn ich das noch einmal unterhalb Eures Brustbeines sehe, dann kenne ich den Freiwilligen, der die Rüstkammer auf Hochglanz bringen wird.“

Cestus wünschte seinem Ausbilder auch zwei Stunden später jeden Fluch an den Hals, den er sich vorstellen könnte, er war geneigt, auch daedrische Fürsten anzurufen. Es hieß, dass Unteroffizier Aldorn ein Bretone sei. Cestus konnte sich das beim besten Willen nicht vorstellen. Bretonen waren doch in aller Regel irgendwelche Händler, gehüllt in Seide und all das. Aldorn trug garantiert keine Seide. Cestus war inzwischen der festen Überzeugung, dass sein Ausbilder auch im Schlaf seine Uniform trug und vermutlich von seiner Frau verlangte, vor dem Zubettgehen zu salutieren – auch wenn er sich nicht wirklich vorstellen konnte, dass Unteroffizier Aldorn eine Frau haben könnte.

Der Zeugwart in der Rüstkammer schmunzelte. „Na, Ärger mit dem Ausbilder, Junge?“ Cestus nickte. „Ich schwöre, er will mich umbringen!“
„Er will Dich am Leben halten, Junge.“
Cestus schnaubte verächtlich und machte sich daran, die Schildriemen zu erneuern. Er hatte wenig Lust, noch einmal an Aldorn zu geraten.

576 – Kampfeinsatz

Der Feldwebel riss den Schild nach oben und stieß in derselben Bewegung sein Schwert seitlich an der Schildkante vorbei. Er spürte, wie seine Klinge das Leder der Rüstung seines Gegners durchdrang und zog das Schwert wieder zurück. Sein Gegner sackte vor ihm zusammen, doch Giselher hob bereits wieder seinen Schild und wendete sich dem nächsten Mann zu. Er hatte jedes Gefühl für die Zeit verloren; vielleicht waren es Stunden, die er sein Schwert vorschnellen ließ, um dann sofort wieder hinter der Deckung seines Schildes zu verschwinden. Neben ihn entließ eine Magierin mit einer beinahe zurückhaltenden Geste ein Inferno aus dunklen Magiescherben auf die gegnerische Reihe. Vielleicht waren es auch nur Minuten. Ein durchdringender Pfiff aus einer einer Holzpfeife veranlasste Giselher, sich einen Überblick zu verschaffen. Er und seine Leute waren zu weit vorgedrungen, als sie der Magierin Deckung gegeben hatten.
„Cestus!“, brüllte der Feldwebel über den Kampfeslärm hinweg. Ein schlamm- und blutverschmierter Mann drehte sich um und nickte, er hatte das Signal ebenfalls gehört und trat den Rückzug an. Mit stets gehobenem Schild, wie Giselher wohlwollend feststellte.

Kurz nach Sonnenuntergang fand Giselher endlich Zeit, sich an einem der Feuer des Lagers niederzulassen. Mit einer knappen Geste bedeutete er Cestus und seiner Kameradin, sitzen zu bleiben.
„Ihr habt überlebt, Feldwebel“, begrüßte ihn Cestus mit einem Grinsen.
„Danke für den Hinweis, Cestus.“
„Ihr werdet sehen, der Zenturio wird Euch zum Ersten Feldwebel machen“. Giselher verzog das Gesicht.
„Das hat mir gerade noch gefehlt, Cestus. Wie lange habe ich gebraucht, um Dir beizubringen, dass Dein Schild gehoben bleibt?“
„Sag’ ich doch!“, triumphierte der Legionär, „allein dafür werden Sie Euch befördern.“
Die Soldatin an Cestus’ Seite stieß ihn in die Seite, was sein Grinsen nicht wirklich vertreiben konnte.
„Entschuldigt Feldwebel, ich glaube er wird größenwahnsinnig, weil sie ihm das Abzeichen eines Veteranen verliehen haben.“ Sie deutete auf den über die Brust laufenden Schwertgurt Cestus’ wo die Nadel sich deutlich gegen das dunkle Leder abhob. Giselher nickte. Er würde es Cestus vielleicht nicht direkt sagen, aber der Junge hatte sich seit seiner Rekrutierung nicht schlecht gemacht, zumindest das mit dem Schild hatte er inzwischen verstanden. Der Stolz stand Cestus auch noch ins Gesicht geschrieben, als er sich erhob, um über das Feuer hinweg Giselher einen Becher Tee zu reichen. Giselher nahm den Becher an und streckte seine Füße aus. Hoffentlich machten Sie ihn nie zum Offizier, er hatte keine Ahnung von Politik und wollte sie eigentlich auch nicht haben, dafür waren schlauere Köpfe weit besser geeignet.

578 – Beförderung

„Danke, Herr“, der frisch ernannte Leutnant verzog keine Mine und sah nach vorne, einen fiktiven Punkt oberhalb der linken Schulter des Zenturios fixierend.
„Ich kann sehen, wie Ihr vor Glück zerspringt, Leutnant. Verratet mir, was Euer Missfallen erregt hat.“
„Herr.“
„Aldorn! Das ist keine Antwort!“
„Bitte um Vergebung, Herr.“
Der Zenturio fixierte seinen neuesten Offizier aus verengten Augen. Der Gesichtsausdruck des Leutnants war so aussagekräftig, wie dessen Haarpracht – schlichtweg nicht vorhanden und ohne jedes erkennbare Merkmal, sah man von der Narbe ab, die quer über das rechte Auge lief.
„Wo habt ihr die eigentlich her, Aldorn?“
„Herr?“
Der Zenturio verlor langsam die Geduld. „Die Narbe, Mann! Wo kommt diese Narbe her!“, er tippte sich unter das rechte Auge. Für einen Lidschlag ging der Blick seines Gegenübers zu der bezeichneten Stelle.
„Habe meinen Gegner unterschätzt, Herr.“ Die Mine des Leutnants zeigte weiterhin keine Regung, genauso gut hätte man ihn wahrscheinlich nach dem Wetter fragen können. Der Zenturio knurrte und hielt Aldorn das Papier samt kaiserlichem Siegel entgegen, das seine Ernennung enthielt.
„Wie dem auch sei, Ihr seid ab jetzt Leutnant und nun geht gefälligst und freut Euch! Ich würde Wetten halten, dass Ihr in zwei Jahren Oberst seid. Wenn dem so ist, werde ich mich freuen, Euch in den Wahnsinn zu treiben, indem ich eine Zeltwand anstarre.
„Herr“, erwiderte Aldorn in gewohnter Weise.
„Raus hier, Leutnant!“, knurrte der Zenturio und deutete zum Ausgang. Leutnant Aldorn salutierte, drehte auf dem Absatz um und verließ das Zelt.

Gestus empfing Aldorn mit einem breiten Grinsen. „Herzlichen Glückwunsch, Leutnant Aldorn!“ Giselher bedachte den Mann mit einem bitterbösen Blick, nickte dann aber.
„Danke. Ich wünschte, sie hätten jemanden anders benannt. Offiziere sind in aller Regel gefährlich. Insbesondere wenn sie Befehlsgewalt haben.“
„Naja, Herr, liegt das nicht in der Natur der Sache? Ihr seid… naja, wart immerhin Unteroffizier, Ihr könnt den imperialen Schnöseln aus der Kaiserstadt ja erklären, was es heißt wirklich Soldat zu sein, oder nicht?“ Giselher konnte nicht umhin zu schmunzeln.
„Ich wette, sie können es kaum erwarten, sich von jemanden wie mir erklären zu lassen, dass eine Uniform nicht nur dazu da ist, um einem Adligen schöne Augen zu machen.

579 – des Kaisers Taten

„Kaiser Varen Aquilarios hat was?!“
„Ich bitte Euch, Aldorn! Ihr müsst doch wenigstens irgendwas aus der Kaiserstadt mitbekommen haben.“
„Oh ja, das habe ich. Zum Beispiel, dass sämtliche Politiker komplette Idioten sind“, murmelte Giselher.
„Was habt Ihr gesagt?“
„Es wäre komplett idiotisch, wenn ich versuchte, die Politik zu verstehen, Tribun, das liegt weit über meinem Rang“, sagte Giselher laut und deutlich. Der Tribun nickte zufrieden.
„Guter Mann, Aldorn. Sehen wir den Tatsachen ins Auge: der Kaiser ist nicht mehr und wir werden uns mit den Tharns arrangieren müssen. Ich könnte beim besten Willen nicht sagen, ob Kaiserin Clivia oder der Lordkanzler das Sagen haben.“ Giselher zeigte keine Regung.
„Was ist Eure Meinung, Leutnant? Und wagt es gar nicht erst, mit ‚Herr‘ zu antworten!“
„Ich versuche, möglichst keine Meinung zu solchen Dingen zu haben, Herr. Schon damit mein Tribun mich für einen guten Mann hält.“

Giselher atmete erleichtert auf, als er das Zelt verließ. Es gabt Themen, die er keinesfalls mit Vorgesetzten besprechen wollte. Im Grunde wollte er manche Themen gar nicht besprechen. Es gabt Gerüchte, dass die Familie Tharn daedrischen Fürsten huldigte, es war ihm ein Rätsel, weshalb ein Offizier (der garantiert dieselben Informationen und bessere hatte) in einer solchen Lage derart offen solche Fragen diskutieren konnte. Andererseits waren ihm Offiziere und darunter jene, die eine Karriere in der Kaiserstadt anstrebten, besonders suspekt. Früher oder später, ahnte der Leutnant, würde er eine Entscheidung treffen müssen.

581 – Fronturlaub

Es dauerte nicht lange, bis er seine Sachen gepackt hatte. Cestus reichte Giselher den Umhang und betrachtete ihn fragend.
„Herr, wir haben lange zusammen gedient. Warum geht Ihr jetzt?“
„Denk einen Augenblick nach Cestus. Ein Kaiser verschwindet, unsere Welt kann man bestenfalls als im Zerfallen bezeichnen und die einzige Sorge, die unsere Vorgesetzten umtreibt ist die Frage, welcher der Tharns an der Macht ist? Wenn Du mich fragst, haben wir ganz andere Probleme und damit meine ich nicht wenigstens drei Präten … Anwärter, die ihrerseits Anspruch auf den Rubinthron erheben könnten.“ Cestus sah beinahe ungläubig zu seinem Leutnant.
„Ihr sagt doch immer, dass Euer Rang zu niedrig für die Politik sei, Herr. Irgendwie werde ich den Eindruck nicht los, dass ihr ziemlich gut informiert seid.“
„Verrate es keinem“, bat Giselher mit einem kurzen Augenzwinkern. „Ich habe nie gesagt, dass ich mich nicht informieren würde. Das macht die Sache allerdings nicht besser: Du wirst sehen, dass wir uns alle in einem sinnlosen Krieg wiederfinden werden, während wir eigentlich gemeinsam gegen einen Feind zu kämpfen hätten.“ Giselher nahm dem Legionär den schweren Wollumhang ab und legte ihn auf sein Reisebündel.
„Mögen die Acht mit Dir sein, Cestus. Und halte immer Deinen Schild oben.“ Cestus grinste schief und erwiderte den dargebotenen Handschlag.
„Lasst von Euch hören, Herr. Ich kann mir offen gestanden nicht vorstellen, dass ihr daheim ein Feld bestellt. Oh und vergesst nicht Eure Beurlaubung!“ Der Soldat reichte Giselher ein versiegeltes Schreiben, eher achtlos verstaute Giselher es hinter seinem Gürtel, dann wandte er sich ab.

582 – Heimaterde

Giselher hackte mit Inbrunst in die Erde. Schließlich stützte er sich sich auf seine Hacke und betrachtete sein Tagewerk. Hier stand er nun und grub die Scholle um, säte ein und tat genau das, was er vor einem Jahr so verachtet hatte: nichts. Um ihn herum tobte ein Krieg. König Kasimir hatte zu den Waffen gerufen, Großkönig Emeric hatte dasselbe getan und beide Male war Giselher dem Ruf nicht gefolgt. Er musste ihm nicht folgen; formal war er weiterhin Mitglied der kaiserlichen Armee, auch wenn er beurlaubt war. Giselher sah keinem Anlass, wieder in den aktiven Dienst zu treten. Immerhin hatte er seinen Eid auf Kaiser Varen Aquilarios geleistet und der war, ebenso wie seine Ratsmitglieder, offenbar seit jenem verhängnisvollen Ritual verschollen oder an Orten, die sich Giselher nicht in seinen dunkelsten Träumen ausmalen wollte.

Die andere Seite war allerdings, dass Giselher alles war: nur kein Bauer. Er hatte weder die Geduld, auf Regen zu warten, noch die Geduld sein Ende abzuwarten. Es war frustrierend, wenn man darauf angewiesen war, das Unausweichliche abzuwarten, ohne selber handeln zu können. Ein letztes Mal blickte Giselher über das kleine Stück Land, das er sein eigen nannte, dann ging er ins Haus.

Am Morgen verließ ein Mann in imperialer Rüstung eines Leutnants, gerüstet mit Schwert und Bogen, die Kate. In einer Innentasche seines Reisebündels steckten zwei Schreiben; das eine belegte seine Beurlaubung von den Truppen des Kaisers Varen Aquilarios, das andere trug das unangetastete Siegel der Kaiserin Clivia Tharn. Was auch immer sein Inhalt war, Giselher hatte es bisher nicht angerührt und war auch nicht bereit, dies in naher Zukunft zu tun. Das würde, dessen war Giselher sich sicher, auch nicht notwendig werden. Er rechnete nicht damit, dass ein Tagelöhner oder ein Söldner Referenzschreiben vorweisen müsste…

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