Charakter? Kann man das essen?

Wie stets folge ich Trends im Web 2.0 unmittelbar bei Auftreten. Also zumindest im selben Kalenderjahr. Wirklich, drei Monate sind ok, das ist doch quasi unmittelbar… Nun ja. Golli hat jedenfalls niemand bestimmten ein Stöckchen zum Thema Rollenspiel und Charaktere derselben zugeworfen, das sie ursprünglich von Julie bekam. Hier meine Spontanantwort, Golli.

Gollis Fragen

1) Welches Computerspiel ist Dein liebstes Lieblingsspiel?

Wenn es kein aktuelles sein muss, dann wäre das Dark Ages of Camelot ich mochte das Setting (Mittelalter, König Arthur!) und hatte das erste mal ein MMO in den Händen. Rollenspiel, das muss ich indes zugeben, gab es nur vereinzelt und wenn es das gab, hatte das irgendwie einen charmant naiven Charakter. Es war ein bisschen wie ein Pen&Paper-Abend in den guten alten DSA-Zeiten, als Räume noch ordnungsgemäß nach Fallen durchsucht wurden.

2) Spielst Du Computerrollenspiele öfter als 1 Mal?

Tendenziell eher nicht. Wenn ich das Ende der Geschichte kenne, sehe ich keine Veranlassung, es nochmals zu spielen. Selbst wenn man den Spielverlauf in Nuancen ändern kann, etwa indem Entscheidungen des Spielers die Entwicklung des Charakters beeinflussen, wird doch die Story nicht in ihren Grundzügen geändert.

3) Bevorzugst Du P&P oder Live Rollenspiel?

Live-Rollenspiel. Ich habe lange Jahre P&P gespielt, ich denke ich kann das als meine Einstiegsdroge bezeichnen. Im Live-Rollenspiel aber kann man unter Umständen einen sehr intensive Charakterentwicklung erleben und muss nicht ständig irgendwelche Werte ablesen oder auswürfeln, ob die Wachen einen gesehen haben.

4) Wie intensiv setzt Du Dich mit einem Charakter, den Du spielst, auseinander?

Das ist im Laufe der Jahre immer intensiver geworden. Anfangs habe ich den Charakterbogen des aktuellen P&P ausgefüllt und mir dann die Würfel geschnappt. Inzwischen schreibe ich in aller Regel einen Hintergrund und verfasse so etwas wie ein Tagebuch, um meinen Charakter zu verstehen. Ich mache mir immer sehr genaue Gedanken zur Timeline des Charakters und definiere dann, wo er während zentraler Ereignisse der Geschichte der Spielwelt war oder ob er gar in irgendeiner Weise darin involviert ist.

5) Hat Dich das Rollenspiel als Mensch weiter gebracht? Hast Du z.B. etwas über Dich selber gelernt?

Spannende Frage: wenn ich so darüber nachdenke, wen ich verkörpert habe und was ich mir an Hintergrundwissen dazu aneignen musste, würde ich sagen, dass ich auf jeden Fall dazu gelernt habe. In bestimmten Situationen frage mich, wie ein Charakter sich darin verhalten würde, was oft genug zu einer besonnenen Reaktion geführt hat.

Eher beunruhigend finde ich: gerade wenn ich Charaktere in Welten spiele, die nicht unseren modernen Ansprüchen an eine Demokratie oder Selbstverwirklichung genügen, ertappe ich mich dabei, dass ich mich erschreckend leicht in diese Welten eindenken und in ihnen (im Rahmen des Spiels) handeln kann. Etwas weiter gedacht frage ich mich dann, wie ich mich wohl verhalten würde, wenn unsere realen demokratischen Werte verloren gingen. Insofern könnte das Rollenspiel und das Austesten der Möglichkeiten dort ein guter Hinweis sein, wo man sich selbst und seine Einstellungen immer wieder überprüfen sollte.

6) Rollenspielregelwerke als PDF oder als gedruckte gebundene Version?

Bei Pen&Paper muss das auf jeden Fall gedruckt sein! Ich liebe detailreich ausgearbeitete Werke, die in meinen Augen oft von ihren Illustrationen leben. Das Ausfüllen einen Charakterbogens (und das ständige darin Herumradieren) gehört für mich ebenso zum Gesamtpaket, wie das Verwenden der Lieblingswürfel. Hier siegt der haptische Eindruck!

Bei Liverollenspiel oder Computerrollenspiel brauche ich kein Papier. In einem Fall brauche ich nur schnell eine Info und bekomme sie womöglich schneller über das Handy im anderen Fall sitze ich ohnedies am Rechner und habe das entsprechende Regelwerk dann lieber gleich auf den Monitor, auf den ich ohnehin schaue.

7) Wie stark empfindest Du mit Deinen Charakteren mit?

Wenn ich einen Charakter lange gespielt habe, bei manchen Online-Rollenspielen waren das durchaus Jahre, leide ich förmlich mit ihnen oder bin aufgeregt wenn sich im Spiel ein Wendepunkt für den Charakter andeutet. Wie stark ich mit ihm empfinde, hängt auch sehr von der Art der Empfindung ab. Ist mein Charakter verliebt, bin ich weniger involviert als bei … ich nenne das mal Meilensteinen innerhalb seiner Entwicklung, wenn er etwa in einer wie auch immer gearteten Hierarchie auf- oder absteigt, oder politische Entwicklungen ihn maßgeblich beeinflussen.

8) Wie stehst Du zum Verlieren/ zum Scheitern im Rollenspiel?

Ich finde das wichtig und es gehört für mich zum Spielerlebnis dazu. Ein Charakter, der nur aufsteigt und für den alles perfekt läuft wirkt für mich nicht vollständig. Gerade, wenn ich einen Charakter über längere Zeit gespielt habe, finde ich es wesentlich spannender, wenn seine positiven Entwicklungen gleichsam erspielt wurden, was mich direkt zu Frage 7 zurückführt: in solchen Momenten empfinde ich zuweilen sehr intensiv mit meinen Charakter.

Bei der Sache mit dem Scheitern im Rollenspiel gibt es für mich nur eine Schwierigkeit: man muss meines Erachtens Mitspieler um sich haben, die zumindest eine ähnliche Einstellung zum Thema haben. Hat man es mit Spielern zutun, die um jeden Preis gewinnen wollen, geht das dann schnell auf Kosten jener Spieler, die das Scheitern und Erkämpfen von Siegen als Teil des Spiels betrachten.

9) Schreibst Du zu Deinem Rollenspielcharakter auch Geschichten ab von den Spielabenden?

Wenn ich vorhabe, den Charakter länger zu spielen, passiert das in den meisten Fällen. Je länger ich einen Charakter spiele, desto mehr schreibe ich über ihn. Oft ist es dann so, das ich gespielte Situationen aufgreife und vertiefe oder ich lasse meinen Charakter in Form eines Briefes oder Tagebucheintrages die Handlungen reflektieren. Viel Spaß habe ich auch daran, aus der Perspektive eines Statisten (der Wache an der Tür, die hoffentlich kein rotes Shirt trägt, zum Beispiel) zu beschreiben, was der Charakter unternimmt. Der Charme liegt für mich dann darin zu versuchen die Wirkung des Charakters auf seine Umwelt zu erschließen.

10) Welche Art von Setting / Welt magst Du am liebsten?

Am wohlsten fühle ich mich in einer Low-Fantasy-Welt, die mittelalterlich angehaucht ist. Wenn ich das Setting kenne, dann darf es auch gerne Science-Fiction sein, wobei ich dann sehr darauf achte, niemanden zu spielen, der jeden Schiffstypen des Universums kennt, ich kann dieses Tech-Talk einfach nicht.

11) Wie experimentierfreudig bist Du mit Deinen Charakteren

Es gibt bestimmte Grenzen, dessen was ich spielen oder darstellen wollte. Ab davon aber bin ich erstmal offen für alles. Während eines Spiels wurde ich im Chat mal gefragt, ob mein Charakter submissiv oder dominant beim Sex sei. Ich hatte nun wahrlich nicht darüber nachgedacht. Nachdem ich dann einen Nachmittag damit verbracht hatte, diverse Texte zum Thema Dominanz und Unterwerfung beim Sex zu lesen (und einschlägige Kurzgeschichten zu dem Thema gelesen hatte) kannte ich die Antwort und war auch bereit, das auf Wunsch zu spielen. War eine spannende Erfahrung, der ich mich ganz gewiss nicht von allein gestellt hätte.

Weiter geht’s

Ich leite meine Fragen Solan (und jeden, der sie beantworten möchte) weiter, der seit heute einen Blog hat, der Pingbacks erlaubt. Willkommen 😉

  1. Was ist wichtiger für Dich, eine gut spielbare Welt oder die Story, die das Rollenspiel erzählt (egal ob digital oder Pen&Paper)?
  2. Welcher Deiner Charaktere ähnelt Dir am meisten und weshalb?
  3. Welcher Deiner Charaktere ähnelt Dir am wenigsten und weshalb?
  4. Welchen Typ von Charakter bevorzugst Du? Bist Du eher der Teamleader, der Mitläufer, der einsame Wolf oder ganz anders?
  5. Wie erschaffst Du einen Charakter für ein LARP?
  6. Ist ein Charakter von Dir im Spiel gestorben? Wenn ja, welches war der bemerkenswerte Abgang?
  7. Welche Szene mit welchen Charakter muss unbedingt noch erzählt bzw. gespielt werden?
  8. Welchen Charakter aus Buch, Film, MMO würdest Du gerne einmal verkörpern?
  9. Wie sieht die perfekte Spielwelt für Dich aus?
  10. Gibt es einen Punkt für Dich, an dem Dein Charakter „durchgespielt“ ist, keine weitere Entwicklung mehr zu erwarten ist?
  11. Welcher Charakter, der Dir im Rollenspiel begegnet ist (NSC oder SC) nötigt Dir Respekt ab.

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