Dienstbeginn

Ich habe meinen Dienst auf der Iason aufgenommen. Die Offiziere kann ich noch nicht gänzlich einschätzen, ich habe es aber geschafft, direkt zu Beginn den XO zu verärgern. Ich war definitiv zu lange im Stab des Ministers. Ein beiläufiges „Guten Tag, Sir“ ist der dämlichste Weg, sich seinem XO vorzustellen… Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie Du nun breit grinst, Marc. Ich habe selber nicht die geringste Idee, wie man diesen XO übersehen kann. Nachdem ich mich beim CO gemeldet hatte, wollte ich CPT Hayes aufsuchen. Ich fand sie im Büro des Commanders und machte Meldung. Ich hätte zumindest alarmiert sein sollen, als MAJ Rawhide von der Seite auffällig ruhig einwarf, dass er mich auch nicht kenne, bei der Gelegenheit aber mitteilen wolle, dass er der XO sei. Wie ich antwortete schrieb ich ja bereits. Du darfst Dir sicher sein, dass ich spätestens bei seinem folgenden Knurren wieder vollständig beim Militär angekommen war. Und das sicherheitshalber in Haltung.

Colonel Sellars wiederum wirkt wie eine Frau, die so schnell nicht aus der Ruhe zu bringen ist und die vor allem ihre Ziele im Blick behält. Nicht die schlechteste Eigenschaft für einen Commander. Ich bin zuversichtlich, dass sie uns nicht mit wehenden Fahnen in eine sinnlose Schlacht führt. Major Rawhide erscheint mir ebenfalls besonnen, auch wenn ich bei ihm beständig das Gefühl habe, dass er nur darauf wartet, dass man einen Fehler macht.

Meine unmittelbare Vorgesetzte ist in dieser Hinsicht das glatte Gegenteil des XO. Sie hat mir berichtet, dass sie bis vor wenigen Wochen Justizminister war und zuvor auch keine militärische Laufbahn eingeschlagen hatte. Nun ist sie der JAG auf der Iason. Ich soll sowohl ihr als auch JRLT Rogers zuarbeiten. Der Chap war bisher für Angelegenheiten des Stabes zuständig, sagte mir aber, dass ich sie darin unterstützen soll. Es gibt leider allzu häufig Fragen der Seelsorge, die den Chap beschäftigen. Vielleicht kann ich an dieser Stelle am ehesten hilfreich sein. So sehr Chaplain Rogers zur Zeit seelischen Beistand leisten muss, so sehr braucht sie ihn womöglich selbst. Ich habe es nicht über das Herz gebracht, sie in ihrer Trauer zu stören. Es gibt Momente, in denen es keinen Platz für Alltag geben kann. Manchmal geht das Leben eben nicht weiter, wie so oft gesagt wird. Manchmal erstarrt es in Trauer. Ich fürchte, genau das ist Chaplain Rogers geschehen.

Ich wurde, zusammen mit einigen Zivilisten, von einem Raptor der Iason abgeholt. Der Flug war alles andere als gewöhnlich. Wir konnten Teile des Funks der Piloten mithören und erfuhren so, dass es eine Geiselnahme gegeben hatte. Indem unser Raptor die Iason anflog, wurden offenbar Bedingungen der Geiselnehmer gebrochen. Der Preis war hoch. Unter den Geiseln war ein Pilot, der dafür sein Leben ließ. Spätestens als wir an Bord der Iason waren wurde klar, dass dieser Pilot weit mehr war; Die Besatzung der Iason steht eng beieinander, die Männer und Frauen gleichen eher einer Familie und sie haben einen der ihren verloren. So wie wir alle.

„Farmboy“ hat in den Herzen der Menschen an Bord eine tiefe Leere hinterlassen. Ich weiß nun, dass unser Chaplain auch ihren Partner verlor. Zudem war es Farmboy, der sich opferte um sie, die ebenfalls unter den Geiseln war, zu schützen. Kein Wunder, dass sie besonders um ihn trauert. Seine Freunde unter den Piloten haben ihn verabschiedet, wie es nur Piloten können. Ich nehme an, das ist ihre Antwort auf die Leere, die einen zuweilen zu erdrücken droht.

Vielleicht sollte ich dazu mal den Doc fragen. Eigentlich ist er Psychologe, ich hatte inzwischen Gelegenheit, mit ihm zu sprechen. Wir waren beide mit demselben Flug zur Iason gebracht worden. Er hat bereits seinen Spitznamen, „Doc Stock“, den er mit Fassung trägt. Auch sonst ist er ein Mann, den scheinbar nicht sehr viel aus der Ruhe bringen kann. In Anbetracht der Tatsache, dass er vor nicht allzu langer Zeit sein Augenlicht verlor finde ich das bemerkenswert. Er ist ein guter Zuhörer und er hat das Talent, einen Rat zu geben, ohne dass er seine eigenen Ideen aufzwingt. Ich kann mir lebhaft vorstellen, dass er auf der Iason noch viel zutun haben wird.

Wo immer du bist, Bruder. Die Götter haben hoffentlich eine schützende Hand über dich gehalten. Ich gehe die Passagierlisten wieder und wieder durch und bete, dass ich Dich auf einer finden werde.

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