Vergangenheit und Zukunft

Wir hatten einige Stunden, die nicht vom Ausrufen der Alarmstufen geprägt waren. Sie waren aber nicht minder intensiv. Der verstorbene Pilot wurde mit allen Ehren beigesetzt. Es war eine Stimmung, die von tiefer Trauer geprägt war, aber gleichzeitig bei allen Anwesenden den Willen erstarken ließ, sich jetzt erst recht nicht geschlagen zu geben. Selbst ich, die ich Farmboy nicht kennenlernen konnte, ging im Anschluss mit der tiefen Überzeugung, dass sein Opfer nicht umsonst gewesen sein durfte.

Die Feier am Abend war eine Geste des Trotzes und wohl auch eine Erinnerung an einen Mann, der selbst in der schlimmsten Lage seinen Lebensmut und Humor nicht verlor. Man kann nur ahnen, was für ein Verlust sein Tod darstellt. An diesem Abend habe ich allerdings auch eine Menge über die Crew gelernt, deren Teil ich nun bin:

Zum einen: Major Rawhide hat keine dunkle Vergangenheit als Anfänger unter den Piloten. Es gab eine Wette, sein früheres Callsign zu erraten. Meine Versuche es zu erraten scheiterten jedenfalls. Darauf kam es letztlich aber nicht an. Ich hatte den Eindruck, dass es an diesem Abend wichtig war, Teil einer gemeinsamen Crew zu sein. Gleichgültig, ob wir nun von der Acheron, der Iason oder welchem Schiff auch immer kommen. Gleichgültig, ob wir nun von Caprica, Picon oder einer anderen Kolonie kommen. Ich habe keinerlei Bargeld mehr, also setzte ich meine Uhr ein. Ganz offensichtlich war ich nicht ganz bei mir oder war in diesem Moment der festen Überzeugung, dass wir mit dem Alten brechen müssen, weil unsere Zukunft nicht im Ansatz mit dem funktionieren wird, was wir gewohnt sind… Diese Uhr jedenfalls bekam ich von Dad geschenkt, als ich meine Beförderung zum Chief Petty Officer erhielt. Ich weiß noch, wie er sie mir überreichte und meinte, dass er eh nicht verhindern könne, dass ich bei den Colonial Forces bliebe, ich so aber vielleicht ab und dann daran denken würde, dass es manchmal Zeit wird, heimzukommen. Er hatte über sein Wortspiel geschmunzelt und mich umarmt, bevor er zurückgetreten war und meine eben angebrachten Abzeichen am Kragen gerichtet hatte. Es gelang ihm nicht ganz zu verbergen, dass er stolz war. Ich vermisse ihn, Marc. Ich vermisse Euch alle.

Später am Abend bereute ich meine impulsive Handlung. Umso erleichterter war ich, als mich am nächsten Morgen Mr Rifkin vor der Messe ansprach. Er hatte meine Uhr ausgelöst und sie mir mit den Worten überreicht, dass ich sie sicherlich zurückhaben wolle. Ich war beinahe sprachlos, sodass ich gerade noch meinen Dank herausbrachte und seine Vermutung bestätigte. Er hatte recht, diese Uhr bedeutet mir viel. Sie gehört zu den wenigen Dingen, die mich an ein jetzt schon so fern liegendes und im Rückblick auch unbeschwertes Leben erinnern. Warum Mr Rifkin das für mich getan hat, weiß ich nicht. Aber der Mann versetzt mich ohnehin immer wieder ins Erstaunen. Er ist der Adjutant unseres CO und ich würde fast Wetten halten, dass sein Klemmbrett des nachts unter seinem Kopfkissen liegt. Im Einsatz erscheint er ruhig, fast unsichtbar, ist aber irgendwie immer an der richtigen Stelle. Ich nehme an, dass ist eine überlebenswichtige Fähigkeit für einen Adjutanten. Außerhalb des Einsatzes kann man ihn am besten als unbeschwert umschreiben. Ich muss mich in diesen Momenten immer wieder daran erinnern, dass er ein Offizier ist, damit ich nicht etwa ähnlich entspannt antworte. Bei Gelegenheit muss ich übrigens herausfinden, was es mit COL E. Tuttle auf sich hat. Mr Rifkin scheint ihn irgendwie zu bewundern…

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